Die Barbaren werden uns überrennen, denn Europa kann sich nicht verteidigen! Der (un)kriegerische Niedergang des Alten Kontinents beunruhigt die sicherheitspolitische Community. Kürzungen der Militärausgaben, schrumpfende Streitkräfte, ruhmloser Abzug aus Afghanistan, Interventionsverweigerung in Syrien! Über Libyen wäre den wenigen Europäern, die dort kampfwillig waren, beinahe die Munition ausgegangen, und nach Mali wollte außer den Franzosen schon gar keiner mehr hin. Im südchinesischen Meer kreuzt kein einziger europäischer Flugzeugträger, und europäische Kampfpanzer lassen sich nur noch außerhalb Europas verkaufen.
Diesem Niedergang zu wehren, könnten sich die Europäer zusammentun: militärische Kapazitäten zusammenlegen, Waffensysteme gemeinsam beschaffen, gemeinsame Strategien und gemeinsame Streitkräfte entwickeln. Tun sie aber nicht: Die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU (GSVP) besteht vor allem auf dem Papier, die seinerzeit großartig präsentierten europäischen Battlegroups – internationale schnelle Eingreiftruppen – wurden bisher nicht ein einziges Mal eingesetzt, und Rüstungsfragen werden nach wie vor in den nationalen Hauptstädten entschieden.
Woran liegt’s? Die Deutschen sind schuld, hört man manchenorts hinter vorgehaltener Hand. Ihre Blockade- oder Bremserhaltung bei allen Fragen des Einsatzes europäischer Streitkräfte in letzter Zeit – Libyen, Syrien, Mali – habe dazu geführt, dass niemand es wagen will, auf dem Weg zur Schaffung europäischer Streitkräfte fortzuschreiten. Wer will sich schon in Abhängigkeit von einem Partner begeben, von dem man nicht weiß, ob er sich im Ernstfall nicht unter Berufung auf seine besondere geschichtliche Verantwortung in die Büsche schlägt.
Schon recht – Deutschlands Sicherheitspolitik ist tatsächlich erstaunlich konzeptlos, und Kritik daran ist uns stets willkommen. Aber diesmal ist nicht das des Pudels Kern.
Grundlegende Missverständnisse
Nein, Schuld an Europas sicherheitspolitischer Malaise ist ein grundlegendes strategisches Missverständnis: nämlich der falsche Glaube, dass die Europäer, oder gar die Länder des Westens insgesamt, allesamt dieselben geostrategischen Interessen teilten. Ausgehend von einem vorgestellten objektiven Interesse „des Westens“ werden für alle Europäer dieselben Bedrohungsszenarien gezeichnet und dieselben Sicherheitsstrategien empfohlen. Demnach wären alle Europäer gleichermaßen von Terrorismus, Failing States, Cyberattacken, instabilen Nachbarregionen oder dem Aufstieg neuer Großmächte bedroht. Das sind sie aber nicht, und deshalb entbehrt die Erwartung, die Staaten Europas würden sich alle in ein und dasselbe strategische Korsett pressen lassen, der Grundlage in der Wirklichkeit.
Verkannt wird, dass sich aus unterschiedlichen geographischen Lagen auch unterschiedliche Bedrohungsdefinitionen ergeben müssen. Letztlich resultiert dieses Erkenntnisdefizit aus dem Kalten Krieg als einer Periode, in der die Bedrohung aus einer universalen, geographisch unspezifischen ideologischen Konfrontation und einer universalen Möglichkeit atomarer Vernichtung erwuchs. Heute sind die Bedrohungen aber keineswegs geographisch unbegrenzt – die Behauptung „globaler“ Gefahren ist eine falsche Ableitung aus einem naiven Verständnis von Globalisierung, nach dem Globalisierung bedeutet, dass alles jetzt irgendwie alle gemeinsam und in gleichem Maße betrifft. Tatsächlich sind aber Sicherheitsbedrohungen – mit Ausnahme planetarischer Umweltkatastrophen – immer regional ausgeprägt.
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In diesen Tagen vor 250 Jahren, am 5. Mai 1762, schlossen Preußen und Russland den Frieden von Sankt Petersburg. Über vier Jahre lang hatte Russland im später so genannten Siebenjährigen Krieg als Verbündeter Österreichs und Frankreichs versucht, den Staat Friedrichs des Großen niederzuwerfen. Ausgesprochen blutig waren die Kämpfe gewesen, ohne dass eine Seite sich auf dem Schlachtfeld hätte dauerhafte Vorteile verschaffen können. In diesem Abnutzungskrieg gegen überlegene Gegner sah Preußen aber allmählich wie der sichere Verlierer aus; die Kräfte des Königreichs waren erschöpft. Da bestieg nach dem Tod der Zarin Elisabeth Anfang 1762 der prussophile Peter III. den Zarenthron. Er bewunderte Friedrich und beendete den Krieg gegen sein Idol umgehend. Preußen war gerettet und konnte den Krieg gegen Österreich und Frankreich in den folgenden zehn Monaten noch zu einem halbwegs günstigen Ende bringen.
Vorgestern vor 200 Jahren, am 28. September 1811, wurde der Demokrat und Revolutionär 