Es ist Herbst, draußen stürmt’s und schneit’s, drinnen machen die Polit-Blogger es sich vor ihren Rechnern gemütlich.

Nichts Bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.

Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

So lesen wir’s in Goethes Faust I (Szene „Vor dem Tor“); und wo wir denn einmal bei Faust sind, stellen wir uns und allen Kollegen doch heute mal die Gretchenfrage für alle Polit-Blogger, Publizisten, Leitartikler und akademischen Experten:
„Nun sag, wie hast du’s mit der Realität?“

Vielleicht haben wir einen Anflug von Selbsterkenntnis und antworten wieder mit Goethe:
„Ich ehre sie. – Doch ohne Verlangen.“

Blut, Staub, Schmerz, Entsetzen, Angst und Sorge – so sieht der Krieg aus, wo er wirklich stattfindet, wo wirklich Krieg ist. Wo er dagegen nur Thema ist, riecht die Welt nach lauwarmem Kaffee und angestaubten PCs; dort rascheln Redner mit bedrucktem Papier und kämpfen mit Beamer oder Mikrophon.

Wo die Wirtschaftskrise wirklich stattfindet, sorgen Menschen sich um Essen für den nächsten Tag. Wo die Wirtschaftskrise dagegen nur Aufhänger ist, sorgt man sich um Gags für den nächsten Tweet.

Wir Skribenten und Gelehrten verschanzen uns hinter Monitoren, Bücherstapeln und Rednerpulten und wissen Hunderte von Meilen zwischen uns und der Welt, über die wir dozieren. Diese Welt, wir betrachten sie durch das Fernrohr der Massenmedien, Forschungspapiere und Redebeiträge. Wir sind ja keine Auslandskorrespondenten, Entwicklungshelfer oder Soldaten, nicht mal Politiker. Wir warten darauf, dass andere uns über diese Welt berichten, damit wir dann darüber nachdenken können – und schreiben. Es könnte ja auch kaum anders sein – schließlich kann man nicht allen Weltereignissen höchstpersönlich beiwohnen, und seriöse von unseriösen Quellen zu unterscheiden, haben wir ja gelernt. Es muss ja unbedingt auch Menschen geben, die aus der Entfernung die großen Zusammenhänge im Blick behalten, oder? Also blicken wir und denken und schreiben.

Aber was taugen unsere Gedanken und unsere Schriften? Was können sie unter diesen Umständen überhaupt taugen? Ich möchte auf diese Frage keine beruhigende Antwort suchen. Selbst wenn die Informationen, die aus ferner Gegend zu uns dringen und die Grundlage unseres Räsonnierens sind, der Wahrheit entsprechen:  Das Fehlen unmittelbarer Anschauung, unmittelbarer Erfahrung birgt für den Analysten immer die Gefahr mangelnder Ernsthaftigkeit. Wen das Geschehen nicht selbst innerlich berührt, der wird leicht weniger Sorgfalt und Verantwortungsgefühl in seine Überlegungen einfließen lassen, als angemessen wäre. Falsche Analysen aber können gewaltigen Schaden anrichten, gerade im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik.

Und ebenfalls gerade hier sind wir für Unseriosität vielleicht besonders anfällig. Kein anderes Politikfeld eignet sich dermaßen gut für Sandkastenspiele. Machtbereiche und Einflusssphären, Führungsmächte und Satellitenstaaten, Militärinterventionen und imperiale Ordnungen – auf dem Papier lassen sich die grandiosesten Phantasien ausleben. Auch Menschen des Wortes und der Wissenschaft pflegt die Vorstellung zu gefallen, mit ihrer Arbeit Einfluss oder Macht auszuüben – und wer möchte sich nicht ab und zu wie Napoleon fühlen und kühne Schlachtpläne ersinnen, die die Welt verändern? (Zumindest Männern sind solche Anwandlungen nicht ganz fremd...) Vielleicht muss man zuweilen dankbar sein, wenn Politiker keine Zeit haben, die Papiere der Gelehrten zu lesen, und sich stattdessen ganz pragmatisch von Gipfel zu Gipfel hangeln. Bei der gemeinsamen Durchwurstelei auf hoher politischer Ebene ist doch zumindest gewährleistet, dass den Völkerlenkern der Blick fürs politisch Machbare nicht verloren geht. Die strategischen Phantasien der Leitartikler und Gastbeiträger dagegen klingen doch manchmal ein wenig nach Sandkasten – gestern rin in den Euro, heute raus aus dem Euro – gestern hamm wa ne Sandburg gebaut, heute machen wir se wieder kaputt.


Oder so: Die Europäer müssen sich militärisch in Ostasien engagieren, um Chinesen und Amerikanern zu zeigen, dass mit Europa zu rechnen ist – Wir schmeißen ein Stöckchen auf die Sandburg der Anderen, um auf uns aufmerksam zu machen.

Oder dies: Deutschland braucht die Euro-Länder nicht mehr und sollte sich stärker an China, Russland und Indien orientieren. – Wir ziehen bei Mami aus und hausen mit den großen Jungs im Bretterbüdchen hinterm Spielplatz, da dürfen wir sogar rauchen.

Aber muss man denn nicht kreativ sein, in Alternativen denken? Nicht inneren Abstand zu den Dingen der Erfahrungswirklichkeit wahren, um kühlen Blicks analysieren zu können?

Doch – darf man, soll man, muss man. Nur sollten wir Kreativität nicht mit Phantasterei verwechseln, inneren Abstand nicht mit kauziger Steckenpferdreiterei und den kühlen Blick nicht mit ich-besessener Gleichgültigkeit.

Mit anderen Worten: Wir müssen raus aus dem Sandkasten. Dazu verhilft Ernsthaftigkeit; eine Tugend, die unter postmoderner Ironie und massenmedialem Meinungsexhibitionismus etwas verschütt gegangen ist.

Oder um es weiter herunterzubrechen:
Stelle dir immer die Frage „Was würde es für das Leben meiner Mitmenschen bedeuten, wenn das, was ich da vorschlage, tatsächlich umgesetzt würde? – Will ich das verantworten?“


P.S. Wir verzichten bewusst darauf, die oben angedeuteten Beispiele von Sandkastenexpertentum durch Links zu unterfüttern – was wir ohne weiteres tun könnten. Da wir aber selbst im Glashaus sitzen, werden wir keine Steine in die Hand nehmen.

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