Schlacht bei Zorndorf zwischen Preußen und Russen 1758In diesen Tagen vor 250 Jahren, am 5. Mai 1762, schlossen Preußen und Russland den Frieden von Sankt Petersburg. Über vier Jahre lang hatte Russland im später so genannten Siebenjährigen Krieg als Verbündeter Österreichs und Frankreichs versucht, den Staat Friedrichs des Großen niederzuwerfen. Ausgesprochen blutig waren die Kämpfe gewesen, ohne dass eine Seite sich auf dem Schlachtfeld hätte dauerhafte Vorteile verschaffen können. In diesem Abnutzungskrieg gegen überlegene Gegner sah Preußen aber allmählich wie der sichere Verlierer aus; die Kräfte des Königreichs waren erschöpft. Da bestieg nach dem Tod der Zarin Elisabeth Anfang 1762 der prussophile Peter III. den Zarenthron. Er bewunderte Friedrich und beendete den Krieg gegen sein Idol umgehend. Preußen war gerettet und konnte den Krieg gegen Österreich und Frankreich in den folgenden zehn Monaten noch zu einem halbwegs günstigen Ende bringen.

Die Erinnerung an diese preußisch-russische Verständigung wurde in späteren Zeiten Grundlage für einen deutschen politischen Mythos: die Vorstellung einer Wahlverwandtschaft von Deutschen und Russen, die beide vermeintlich nicht wirklich zum westeuropäischen Kulturkreis zählten und die daher quasi natürliche Verbündete im Abwehrkampf gegen – militärische, politische, kulturelle – Invasionen aus dem Westen seien.
 

Der Mythos: Gemeinsam gegen den Westen

In dieser Sicht hat es Russlands Rückendeckung Preußen im Jahre 1762 ermöglicht, den Angriffen seiner Rivalen aus dem Westen und Süden standzuhalten. Daraus erwächst eine Waffenbrüderschaft.
Nach 1789 bekämpft Russland gemeinsam mit den deutschen Staaten die Ideen und die Armeen der französischen Revolution.
Dem Ansturm Napoleons kann Deutschland zunächst nicht viel entgegensetzen. Erst nachdem Russland Napoleons Grande Armée vernichtet hat, kann sich Deutschland am russischen Verbündeten aufrichten und die westlichen Invasoren aus dem Land jagen.
Nach dem Wiener Kongress verbünden sich die Monarchen Russlands, Preußens und Österreichs in der Heiligen Allianz, um Mittel- und Osteuropa gemeinsam gegen westeuropäische Ideen wie Volkssouveränität und Gewaltenteilung zu verteidigen. 1849 sichern russische Truppen den Habsburgern die Herrschaft im aufständischen Ungarn.

Der Erste Weltkrieg scheint das Ende dieser deutsch-russischen Sonderbeziehung zu bedeuten, aber schon 1922 finden das Deutsche Reich und Sowjetrussland im Vertrag von Rapallo wieder zusammen. Die beiden in Europa isolierten Staaten lehnen sich aneinander an, um ihre Position gegenüber den Westmächten zu stärken. In der Folge bereiten sich Reichswehr und Rote Armee zusammen auf den nächsten Krieg vor. Der Feind wird im Westen – und in Polen – verortet. Das gilt noch für den Hitler-Stalin-Pakt von 1939.

Der Zweite Weltkrieg passt nicht ins Bild; aber die „Waffenbrüderschaft“ zwischen NVA und Roter Armee im Kalten Krieg präsentiert sich durchaus auch in der Tradition gemeinsamer deutsch-russischer Abgrenzung vom „Westen“.

Dieses Narrativ der russisch-deutschen Wahlverwandtschaft trägt mythische Züge. Es ist eine politische Erzählung, die die Wirklichkeit holzschnittartig verzerrt und reduziert, gerade dadurch aber Orientierung ermöglicht und Gemeinsamkeit zu stiften vermag. Es blendet große Teile der Realität aus.
 

Die dunkle Seite der Macht:  Rivalität und Hegemonie
 

So identifizierten sich etwa große Teile der deutschen Bevölkerung seit eh und je sehr viel mehr mit den Ideen Westeuropas als mit der Vorstellung einer angeblichen deutsch-russischen Gemeinsamkeit. Als Napoleon 1812 Russland angriff, bestand seine Armee zu großen Teilen aus Deutschen, was übrigens in Russland auch so wahrgenommen wurde. Den Russen galten die Deutschen immer als Teil des Westens; von Franzosen und Briten unterschieden sie sich nur graduell.

Im 19. Jahrhundert stand Russland sowohl der Demokratisierung als auch der politischen Einigung Deutschlands lange entgegen. Während die deutschen Konservativen teilweise eine gewisse Sympathie für Russland empfanden, galt es Progressiven als die Verkörperung von Knechtschaft und Barbarei schlechthin. Und tatsächlich war Russlands Rolle während und nach der Revolution von 1848 unheilvoll für die freiheitliche Entwicklung Mitteleuropas.

Dieser Topos vom barbarischen Russland beflügelte die deutsche Kriegspropaganda in beiden Weltkriegen und war ein tragender Bestandteil der NS-Ideologie. In Wirklichkeit lagen den Kriegen aber Großmachtrivalitäten zugrunde. In dem Moment, in dem an die Stelle der großen Mittelmacht Preußen die ehrgeizige Großmacht Deutschland trat, war der Konflikt mit der nicht minder ehrgeizigen Großmacht Russland/Sowjetunion vorprogrammiert. Angesichts dieses handfesten imperialen Interessenkonflikts verschwanden alle romantischen Vorstellungen von deutsch-russischer Gemeinsamkeit wie Schnee in der Sonne. Die russischen Eliten waren nicht bereit, steigenden deutschen Einfluss in der Osthälfte Europas zu akzeptieren, und in Deutschland betrachtete man Russland als Hindernis für die eigene imperiale –  politische und wirtschaftliche –  Entfaltung. Zweimal versuchte Deutschland schließlich, Russland als Großmacht zu vernichten.

Deutschland unterlag, und das nun kommunistisch gewandete russische Reich etablierte sich als aggressive Hegemonialmacht in Mitteleuropa, die der Osthälfte Deutschlands ein unseliges politisches und wirtschaftliches System aufzwang.

Dies ist die dunklere Seite der deutsch-russischen Zweisamkeit. Mit einer politischen Seelenverwandtschaft „der“ Deutschen und „der“ Russen ist es tatsächlich nicht weit her. Begrenzte politische Gemeinsamkeiten ergaben sich immer dann, wenn beide sich von der gleichen externen Macht bedroht sahen oder, im Falle der viermaligen Aufteilung Polens, wenn beide die Chance sahen, auf Kosten eines dritten Staates ihre jeweiligen Interessenssphären zu erweitern. Wann immer dies nicht der Fall war, agierten Deutschland und Russland im mittel- und osteuropäischen Raum als politische Rivalen.

Dass Deutsche und Russen einander auf kulturellem Gebiet oft wechselseitig faszinierten, steht auf einem anderen Blatt. Das gilt ja auch für Deutsche und Franzosen, die deswegen aber keinesfalls davon abließen, einander als „Erbfeinde“ zu betrachten.
 

Die Gegenwart: Annäherung oder Abgrenzung?

Und heute? Ein gemeinsamer Gegner ist ernsthaft nicht zu erkennen. Zwar wird manchmal und mancherorts in Deutschland davon fantasiert, „westlichen“ politischen Strukturen wie der NATO oder der EU den Rücken zu kehren und in Anlehnung ans russische Vorbild eine strikt national ausgerichtete Interessenpolitik zu verfolgen. Aber die Vorstellung einer gegen „den Westen“ gerichteten Allianz zwischen Deutschland, Russland, der Ukraine und Weißrussland dürfte auch den eingefleischtesten Russophilen als absurd erscheinen.

Ein gemeinsames großes politisches Projekt – analog zur unseligen Polen-Politik vergangener Jahrhunderte –  ist desgleichen weit und breit nicht in Sicht. Es gibt nur begrenzte Initiativen, wie etwa die Ostseepipeline, und zufällige Allianzen, wie bei der kritischen Haltung zur Intervention in Libyen.

Auf der anderen Seite ist nach dem Ende des Kalten Kriegs aber auch eine neue Großmacht-Rivalität zwischen Deutschland und Russland ausgeblieben. Das liegt teilweise daran, dass Deutschland sich geschickt hinter NATO und EU versteckt, wenn es darum geht, deutsche Interessen östlich der Oder zu befördern. Jedoch hat gerade Deutschland auch in den beiden westlichen Organisationen öfter auf die Bremse getreten, wenn deren Politik russische Empfindlichkeiten zu berühren drohte. So wurde etwa die Annäherung der Ukraine und Georgiens an die NATO von Deutschland stark behindert. Die deutsche Politik hat aus der Vergangenheit gelernt, dass man im strategischen Vorfeld Russlands vorsichtig unterwegs sein muss. Nichtsdestotrotz waren die EU- und NATO-Osterweiterungen, die in Russland mit Sorge betrachtet wurden, im vitalen strategischen Interesse Deutschlands, ohne dass Deutschland dies an die große Glocke gehängt hätte. Als Rivale tritt Deutschland für Russland so nicht in Erscheinung; diese Rolle weist man in Moskau den USA zu, womit Deutschland sehr gut leben kann. Sollte die NATO allerdings aus der Afghanistan-Erfahrung, sollte die EU aus der Eurokrise nachhaltig geschwächt hervorgehen, müsste Deutschland Russland gegenüber Farbe bekennen.

So ist das deutsch-russische Verhältnis heute wenig spektakulär. Weder eine Neuauflage des Rapallo-Vertrages noch ein neues Wetteifern um die Vorherrschaft zwischen Oder und Oka passen in die Zeit.
 

Wünsche

Gemeinsame politische Projekte darf man sich desungeachtet wünschen. Gerade weil man nicht ausschließen kann, dass Deutschland unter geänderten Vorzeichen sich dermaleinst gezwungen sehen könnte, wieder Machtpolitik gegen Russland zu betreiben, wäre die befriedende Wirkung institutionalisierter strategischer Zusammenarbeit willkommen. Nur: Welche Projekte könnten das sein?

Die Sicherung der europäischen Energieversorgung, also die Richtung, die mit der Ostseepipeline schon einmal eingeschlagen wurde? In einer „russisch-deutschen Energiepartnerschaft“ säße Russland als Produzent gegenüber dem Konsumenten Deutschland auf ewig am längeren Hebel. Wir sollten uns in Deutschland über die Machtverhältnisse in einem solchen Projekt keinen Illusionen hingeben – eine Partnerschaft auf Augenhöhe wäre das nie.

Interessanter scheint da ein deutsch-russisches Zusammenwirken bei der gewaltigen strategischen Aufgabe, die Südflanke des europäisch-russischen Großraums zu sichern, mithin die islamisch geprägte Region zwischen Marokko und Afghanistan zu stabilisieren und zu befrieden. Die Aufgabe ist drängend, die EU ist auf unabsehbare Zeit mit sich selbst beschäftigt und die USA sind eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Nur gilt letzteres auch für Russland, und in Deutschland sind weder das Problembewusstsein noch die Kompetenz zu erkennen, die der Herausforderung angemessen wären.

Was bleibt? Durchwursteln: deutsche Interessen in Osteuropa weiter von EU und NATO vertreten lassen, gleichzeitig die „Expansionisten“ in beiden Organisationen ausbremsen; wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit vorantreiben; Russland bei allen sicherheitspolitischen Initiativen zwischen Minsk und Mongolei, Arktischem und Indischem Ozean Mitwirkung antragen; und weiter nach einem gemeinsamen Projekt suchen...

 

 

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