Thorsten Kleinschmidt, 13. Februar 2025
 

Unversehens stecken wir bis zum Hals in der Krise. Die Ampel-Regierung ist auseinandergebrochen, ohne dass irgendeines unserer Probleme auf einem guten Wege wäre, und Neuwahlen bremsen nicht nur alle laufenden Projekte aus; sie verheißen auch nichts Gutes.

In den USA ist tatsächlich Donald Trump noch einmal gewählt worden, und wir verstehen: Der Trumpismus ist kein Unfall der Geschichte; er ist eine Revolution. Die wie seinerzeit die französische die weitere Welt mitumstürzen könnte, vor allem aber das alte, das alternde Europa.

Disruption nennen das die Tech-Jünger vom Schlage eines Elon Musk gerne, und genau das ist es. Disrumpere bedeutet “zerbrechen”, und ja, hier geht etwas in Scherben: die Welt der akademisch-wissenschaftlich geprägten bürgerlichen Leitklasse verschiedener Kulör; in Deutschland ist das die Welt der ZEIT-, FAZ- und Taz-Leser. Eine Welt, der Bildung, Recht und in der Demokratie institutionalisierte Friedfertigkeit als zentrale Kulturgüter gelten, und die auf Geld und Büchern aufbaut. Diese alte Bürgerherrlichkeit ist vermutlich nicht zu retten. Was an ihre Stelle treten wird, wissen wir nicht.

Vielleicht ist das alles gut so. Ja, sie haben richtig gelesen. Vielleicht muss diese alte Welt zerbrechen, damit eine neue geboren werden kann. Denn, seien wir ehrlich: Die alten Bildungseliten, mit denen der Autor dieses Textes unbedingt sympathisiert, haben Deutschland, haben Europa in den letzten zwei Jahrzehnten nicht mehr vorangebracht. Auf diesen Webseiten hier haben wir immer wieder, bis zu Verdruss und Überdruss, die feiste Trägheit beklagt, die steife Unbeweglichkeit gegeißelt, die selbstzufriedene Mittelmäßigkeit befehdet, in der dieses alte Land, dieser alte Kontinent mit seinen alten Eliten sich eingerichtet hat. 
 

Politische Sünden: Wir haben uns Trump verdient


Als im Jahr 1227 wie aus dem Nichts ein mongolisches Heer in Südrussland auftauchte, die Aufgebote der Russen und Kumanen in einer einzigen Schlacht vernichtete, das Land verwüstete und so plötzlich abzog, wie es gekommen war, erklärte der russische Chronist das spukhafte Verhängnis heilsgeschichtlich: Wegen unserer Sünden brachen sie über uns herein.

Mit einem gewissen Recht müssen auch wir sagen: Donald Trump, Wladimir Putin, Europas Rechtspopulisten, Islamisten - sie sind die Strafen für unsere Sünden:

  • Wir haben in naiver Friedensbesoffenheit zugelassen, dass die Welt da draußen, die vor einem Vierteljahrhundert auf einem guten Weg zu immer mehr Frieden, Demokratie und Wohlstand schien, in die Spurrillen zurückglitt, die Machthunger, Goldgier und Mordlust über Jahrtausende ins Gelände der Menschheitsgeschichte eingegraben haben.
     
  • Wir haben in selbstzufriedenem Fortschrittsglauben gestattet, dass die Auswirkungen der Globalisierung die Schere zwischen reich und arm, oben und unten, Gewinnern und Verlierern, die das Konzept des solidarischen Sozialstaats nach der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre zu schließen versprochen hatte; dass die entgrenzten Finanz-, Güter- und Politikmärkte diese Schere wieder weit öffnen. (Politikmärkte verhökern politische Gemeingüter wie z.B. Sicherheit, à la Trump und Putin: “Was gebt ihr mir, damit ich eure Weltregion nicht ins Chaos stürze?”) 
     
  • Wir haben in fauler, fehlgeleiteter Toleranz erlaubt, dass freiheitsfeindliche Ideologen wie Islamisten, Nationalisten oder sozialdarwinistische Libertäre die europäische republikanische Demokratie attackieren.
     
  • Wir haben unbequeme Entscheidungen, die zu treffen Verantwortung der Bürger gewesen wäre, an staatliche Bürokratien ausgelagert und sehen nun, wie unsere Freiheit zwischen Datenschutzverordnungen, Berichtspflichten, Sicherheitsbelehrungen und Genehmigungsvorbehalten versickert.
     
  • Wir haben geglaubt, um unseren Wohlstand zu sichern, bedürfe es keiner neuen Ideen und Produkte mehr, sondern nur noch neuer Regulierungen - als wären Klimaneutralität und Datenschutz die einzigen Probleme, die uns noch zu lösen blieben.
     
  • Wir haben uns in albernen, aber unterhaltsamen Identitätsdebatten verausgabt, statt uns mit echten Problemen zu beschäftigen.

Wir waren träge, dumm und mittelmäßig, in Deutschland und in Europa. Jetzt ernten wir, was wir säten.

Noch einmal: Gut so. Manchmal muss der Karren erst an die Wand fahren, bis alle begreifen, dass es auf diesem Weg wirklich nicht weitergeht.
 

Gegner bekämpfen, nicht beschwichtigen


Putin, Trump, Musk und wie sie alle heißen: Sie sind unsere Gegner, denn sie versuchen, uns eine Weltordnung aufzuzwingen, in der sie uns nach Belieben ausbeuten können, um einmal ein altes dramatisches Wort zu bemühen. Für sie ist die Welt ein Nullsummenspiel, in dem der eine nur gewinnen kann, was der andere verliert. Da sie selbst zu den Gewinnern zählen möchten, wollen sie folgerichtig, dass es uns schlecht geht. Sie geben sich daher alle Mühe, uns zu schaden. 

Wenn wir das begreifen, verstehen wir auch, dass es nicht darum gehen kann, einen Modus vivendi mit Kompromissen und deals zu finden. Welchen Kompromiss könnten Lämmer und Wölfe wohl schließen? Jede Vereinbarung, die man mit Menschen vom Schlage des russischen oder amerikanischen Präsidenten schließt, gilt nur solange, bis die Putins und Trumps sie brechen, um einen noch besseren Deal für sich herauszuholen.

Nein, Gegner solcher Art soll man nicht besänftigen, sondern bekämpfen. Wer aber kämpfen soll, muss auch siegen wollen. Diese Art von Entschlossenheit können wir dank Trump & Co wieder lernen. Danke, Donald.
 

 

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