Juli 2025 in Europa: Es war eine Demütigung - und nicht die erste. Donald Trump empfängt Ursula von der Leyen in seinem Prunkzelt, um den Europäern künftig 15% Tribut aufzuerlegen - und er erwartet Dankbarkeit für die Gnade, die er den Vertretern des alten Kontinents damit erweist. Dafür dürfen diese sich dann rückwärts kriechend aus dem Gesichtsfeld des Großmögenden entfernen.
Zelte und zitternde Knie: Der Großkhan hält Hof
Gut, es war kein Zelt, sondern Trumps Golfklub auf schottischem - europäischem! - Boden, und nicht Tribute, sondern Zölle wurden verhandelt. Aber die Szene ähnelte schon sehr den Ritualen, mit denen einst Reitervölker des Ostens - Hunnen, Chasaren, Mongolen, Tataren - die Unterwerfung der überrannten europäischen Stämme und Fürstentümer zelebrierten.
Es ist eine Symbolik der Erniedrigung. Der amerikanische Potentat kommt nach Europa, aber nicht zu einer Arbeitsreise, um etwa die europäischen Kollegen in ihren Amtssitzen zu Verhandlungen zu treffen. Nein, er besucht seine Ländereien und gibt sich seinen hochherrlichen Vergnügungen - Golf - hin. Die Präsidentin der Europäischen Kommission - Vertreterin von 27 souveränen Nationen - lässt er zu sich rufen und verkündet ihr zwischen zwei Golfrunden, welchem Deal sie zuzustimmen und welchen Tribut sie künftig zu entrichten hat. Dann darf sie wieder nach Brüssel zurück und kann noch froh sein, dass alles so glimpflich abgelaufen ist.
Von der Leyen, Rutte, Merz & Co. : Die Große Europäische Zwergenparade
Friedrich Merz hat vor ein paar Monaten sinngemäß gesagt, wer mit den Amerikanern verhandle, müsse wissen: Wer sich zum Zwerg macht, wird wie ein Zwerg behandelt. Die Selbstverzwergung der Europäer in diesen Wochen und Monaten - unsere Selbstverzwergung - ist erschütternd; eine Erniedrigung, die wir uns ausschließlich selbst zuzuschreiben haben. Denn es ist unsere, unser aller Erniedrigung.
Es ist völlig egal, ob wir die EU schätzen oder nicht (wir sollten sie lieben, was wirklich nicht immer leicht ist); es ist ganz gleich, ob wir persönlich uns mit dem Tun und Lassen der gewählten deutschen und europäischen Volksvertreter identifizieren mögen oder nicht: Von außen betrachtet - und die meisten Menschen des Planeten schauen von außen auf den Kontinent Europa - haben wir uns alle demütig unterworfen. Was gerade im Verhältnis zwischen Europa und den selbsternannten starken Männern in Washington, Moskau, Peking und sogar Israel passiert, zerstört das Ansehen aller Europäer. Wie sollen wir diesen verlorenen Respekt nur zurückgewinnen?
Was passiert hier? Europa verzichtet darauf, für seine Interessen zu kämpfen und lässt sich widerstandslos dominieren. Dabei hätte die EU in einem Handelsstreit wie keine andere Macht der Welt alle Mittel, amerikanischem Druck mit Gegendruck zu begegnen und eine wirklich gute Vereinbarung zu erzielen. Man hat darauf verzichtet.
Warum? Weil man den US-Präsidenten und seine Administration nicht verärgern möchte - am Ende nehmen die ihr Bekenntnis zur NATO wieder zurück und lassen die Europäer doch noch mit dem russischen Bären allein. Wir sehen hier, wie die militärische Schwäche Europas die europäische Wirtschaftsmacht vollkommen entwertet. Wer nicht in der Lage ist, seine Interessen militärisch zu behaupten, kann es auch nicht auf anderem Gebiet, wenn der potenzielle Gegner oder Konkurrent nur skrupellos genug ist. Und das sind sowohl Donald Trump als auch Wladimir Putin.
Und doch: Das Schauspiel in Schottland war erbärmlich. So erbärmlich wie im Vorfeld des NATO-Gipfels die Anbiederei des europäischen NATO-Generalsekretärs Mark Rutte, der bereitwillig seine Würde als europäischer Staatsmann preisgab, um dem US-Präsidenten durch Schmeicheleien, die man nur noch als Clownerien wahrnehmen konnte, zu gefallen. So erbärmlich auch wie all die Bittsteller- und Unterwerfungsreisen europäischer Staats- und Regierungschefs an den Hof des Washingtoner Monarchen, unternommen auf dass die Gnade des Imperators auch fürderhin über den Ländern seiner Schutzbefohlenen leuchte.
Wie viel Selbsterniedrigung wollen wir uns eigentlich noch auferlegen? Wie viel Selbstachtung wollen wir uns gönnen? Wie viel Würde sind wir uns wert? Würde ist ja kein Luxus, den man sich leisten können muss. Würde ist eine Ressource, von der eine politische Gemeinschaft zehrt.
Wie viel Selbstachtung darf's denn sein? Würde als politische Ressource
Würde ist das Bild, das entsteht, wenn Selbstachtung sich ihren Ausdruck in der sozialen Welt schafft und dabei im Einklang mit allgemein anerkannten Werten bleibt. Es ist ein Bild von selbstbewusster, gelassener Kraft, die sich geeignet und bereit zeigt, zur Stabilität dieser Werte beizutragen. Deshalb ruft Würde bei Betrachtern oft Respekt hervor. Wer aber Respekt genießt, genießt auch Autorität; sei es die moralische Autorität, die durch vorbildliches, wertegeleitetes Verhalten erzeugt wird, sei es die Autorität der Macht, die entsteht, wenn man als stark wahrgenommen wird.
Mit anderen Worten: Wer als mit Würde ausgestattet wahrgenommen wird, hat viel größere Chancen, seine Sicht der Dinge geltend zu machen als wessen Verhalten würdelos erscheint. Wer sich ständig erniedrigt oder erniedrigen lässt, verringert je länger desto mehr die Chancen, seine Werte sowie seine Interessen durchzusetzen. Eine politische Gemeinschaft, die mit ihren Werten und Interessen respektiert werden will, darf sich nicht klein machen lassen - schon gar nicht darf sie sich selbst klein machen. Wenn wir selbst uns offenkundig nicht für wichtig halten - warum sollten die Anderen wichtig nehmen, was wir sagen und was wir wollen?
Das ist die Bedeutung der Würde in den Außenbeziehungen einer Gemeinschaft. In der Innensicht ist Würde greifbar als das Selbstbild, das aus Selbstachtung entsteht. Eine Gemeinschaft, deren Mitglieder ihrer Gemeinschaft Achtung entgegenbringen und einander als Mitglieder dieser Gemeinschaft gegenseitig respektieren, bringt eine Atmosphäre der Sicherheit hervor, die von einem selbstverständlichen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geprägt ist. Das wiederum ist eine Voraussetzung dafür, die Herausforderungen der Zukunft beherzt anzugehen.
Egal, wie man es dreht: Wer seine Würde preisgibt, läuft Gefahr die Fähigkeit zu verlieren, seine Zukunft selbst zu gestalten. Er wird faktisch und seelisch abhängig von denen, denen er hinterher kriecht.
Es ist denn auch schleierhaft, wie die selbsterniedrigenden rituellen Pilgerfahrten ins Oval Office, wie all die Verhandlungsrunden, in denen die Vertreter der europäischen Völker sich selbst zu Gute-Laune-Clowns degradieren, der Stärkung Europas und seiner Nationen dienen sollen. Das Gegenteil ist der Fall.
Europa und die USA - Zeit für den Bruch?
Ja, die Europäer haben in langen Jahren provinzieller Nabelschau verlernt, sich um ihre Sicherheit selbst zu kümmern. Das heißt aber nicht, dass sie es nicht schnell wieder lernen könnten, wenn sie es ernsthaft wollen. Und auch das berührt die Frage der Würde, denn wir bestehen nicht nur aus kurzfristigen Interessen: Sowohl unsere Selbstachtung als auch unsere Werte verlangen von uns, dass wir uns Erpressungsversuchen nicht beugen, die unsere Gesellschaften in hilflose Kolonien offen oder versteckt autoritärer Systeme verwandeln wollen. Und unsere langfristigen Interessen verlangen das natürlich auch.
Bei der militärischen Selbstertüchtigung der europäischen Länder sind die Bremsen elf Jahre nach Russlands erstem Angriff auf die Ukraine und acht Jahren nach Trumps erstem Amtsantritt immer noch nicht gelöst. Guter Wille allein reicht nicht! Als das revolutionäre Frankreich 1792 von seinen autoritär regierten Nachbarn angegriffen wurde, brauchte man gerade einmal zwei Jahre, um unter Kriegsbedingungen das stärkste Heer des Kontinents aufzubauen. So schnell kann es gehen - aber es darf nicht sein, dass wir erst in einen Krieg schlittern müssen, um den Ernst der Lage zu begreifen. Wir müssen noch viel mehr Energie aktivieren, um uns endlich wieder auf eigene Füße zustellen. Wir sollten uns wirklich beeilen - bevor noch einer unser postheroischen Volksvertreter auf die Idee kommt, Trump ausgewählte europäische Länder als Immobilienobjekte zur Verfügung zu stellen.
Wir müssen lernen, Europa ohne Amerika und gegen Amerika zu gestalten. Die Beziehung zu den USA ist toxisch. Wir brauchen den Bruch. Vielleicht wird dann ein Neuanfang möglich sein.
Aber sicher ist das nicht. Und wichtig ist es vielleicht auch nicht mehr. Denn wenn Amerikaner den Europäern künftig weder echte Wirtschafts- noch echte Sicherheitspartner sein wollen - wozu taugt eine Partnerschaft dann noch?
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