Wo sind wir? In welche fremde Welt sind wir geraten? Wie sind wir dort hingekommen? Große und kleine Kriegerreiche fangen Kriege an, aus keinem anderen Grund als weil sie es können – Russland und die USA, Israel und die Wüstenreiche des Sudan. Der Führer der westlichen Welt wurde zur Geißel der westlichen Welt; der Erbe des Jahrhunderthoffnungsträgers Michail Gorbatschow will Totengräber Europas sein; der Leuchtturm der Demokratie im Nahen Osten hat sich in eine imperialistische Kolonialmacht verwandelt; machtbesessene Kriegsherren am Mittleren Nil schlagen sich auf genau die Weise, die europäische Rassisten des 19. Jahrhunderts von ihnen erwartet hätten.
Nirgends ist der Ritter in schimmernder Wehr zu sehen, der die Schurken der Welt in die Schranken weisen würde; auch der erzwungene Führungswechsel im Iran hat nur dazu geführt, dass jetzt anstelle übler Theologen üble Militärs das Sagen haben. Die Kriege lassen Hunger und Elend wieder wachsen; und den Klimawandel gibt es ja auch noch, nur dass sich jetzt niemand mehr für die Naturkatastrophen von morgen interessiert. Die Weltwirtschaft treibt derweil auf die nächsten Stromschnellen zu.
Träume von Aufbruch und Träume von Apokalypse
Oder träumen wir nur? Nach dem Friede-Freude-Eierkuchen-Traum vom „Ende der Geschichte“ nun den dystopischen Fiebertraum vom „Ende des Humanismus“? Entspringen am Ende die Umbrüche nur unserer Vorstellung, wie manche meinen? War die Wirklichkeit vielleicht immer dieselbe und wir begegnen ihr nur mit wechselnden ideologischen Brillen? Falls ja: Sollten wir uns wünschen, schöner zu träumen, oder sollten wir versuchen endlich wach zu werden?
Nun, auch Träume setzen sich ja aus Versatzstücken von Wirklichkeit zusammen – man kann nichts träumen, was man nicht unbewusst für zumindest vorstellbar hält. Zwar sollten wir unseren eigenen Welterklärungen immer ein wenig misstrauen, denn vermutlich sind wir dümmer, als wir meinen. Auf das aufmerksame Beobachten der Welt können wir aber nicht verzichten; es ist umso wichtiger, je weniger wir verstehen, was eigentlich vorgeht. Wenn man dann auch nicht begreift, warum es auf einmal Steine hagelt, kann man sich doch immerhin den Helm aufsetzen.
Was wir beobachten, ist viel Wut und viel Leid, viel Ratlosigkeit und viel Tatendrang. Und da der Mensch ja zum Glück drängendere Lebensaufgaben hat, als sich immer um den Gang des großen Ganzen zu sorgen, beobachten wir natürlich auch viel Schulterzucken und viel Zurück-zum-Alltag.
Chaos – das neue Normale?
Wo wird das alles enden? Wird es irgendwann wieder einen Zustand geben, von dem wir hier in Mitteleuropa – wie von der Zeit des Kalten Krieges und dann von der Zeit vor 2020 – sagen werden: Das ist das Normale und mit dieser Normalität können wir gut leben? Wahrscheinlich, und sei es nur, dass wir beginnen, uns an Krise, Krieg und Konflikt zu gewöhnen, und uns gleichzeitig klarmachen: In den Jahrhunderten vor 1945 waren Krise, Krieg und Konflikt tatsächlich nicht ungewöhnlicher als die kurzen Friedenszeiten dazwischen. Eher aber wird die künftige Normalität ein doch in irgendeiner Weise stabilerer Zustand sein, dessen Natur nur derzeit noch nicht abzusehen ist. Auch das jedoch ist eine Vermutung, die falsch sein kann.
Unter Deck
Das Dampfschiff namens „Weltgeschichte“ stampft durch raue See. Wir finden uns im Maschinenraum eingesperrt; sehen, wie sich Kolben und Wellen nach uns unbekannten Konstruktionsplänen bewegen; hören den betäubenden Lärm der Maschine; spüren das Vibrieren des Schiffs unter unseren Füßen und die Schläge der Wellen gegen den Rumpf. Allein wir sehen nicht, wohin das Schiff fährt. Weder haben wir den Horizont im Blick noch wissen wir, wie weit wir vom Kurs abgekommen sind – wir wissen nicht einmal, ob es überhaupt einen vorbestimmten Kurs gibt.
Irgendwann, wenn die Stürme etwas abklingen, dürfen wir wieder an Deck. Wo werden wir dann sein?
Ein paar weitere Vermutungen seien noch erlaubt.
Europa – Amerika – Russland: Die Karten werden neu gemischt
Europa wird aus dem Chaos gestärkt hervorgehen. Wir lernen gerade, uns aus unnötigen Abhängigkeiten zu befreien und wieder selbstverantwortlich zu handeln. Dabei werden wir je länger desto mehr die Erfahrung machen, wie viel wir Altweltbewohner nach wie vor bewegen können, wenn wir unsere beachtlichen Ressourcen – politische, wirtschaftliche, militärische, vor allem kulturelle – endlich wieder gezielt einzusetzen lernen.
Die USA einerseits, Russland andererseits schwächen sich gerade nachhaltig selbst. Amerikaner haben der ganzen Welt klar gemacht, wie unklug es ist, sich auf sie als Verbündete zu verlassen. Diese Lehre wird nicht vergessen werden, auch falls nach Trump ein gemäßigterer Präsident wieder auf die Welt zugehen möchte. Nie wieder werden die Vereinigten Staaten als selbstverständliche Führer auch nur der westlichen Welt angesehen werden. Diese Führungsrolle ist nachhaltig verspielt.
Russlands politische Klasse wiederum hat die Ressourcen ihres Landes überschätzt – und die Ressourcen Europas grandios unterschätzt. Schon jetzt kann das Land den Status-quo im Ukrainekrieg nur aufrechterhalten, indem es sich wirtschaftlich immer mehr in Abhängigkeit von China begibt. Auf dem Schlachtfeld kann Russland auch zwölf Jahre nach dem Beginn der Aggression, die mit der Annexion der Krim begann, nicht einmal die Ukraine niederringen – die vor 2014 als das militärisch mit Abstand schwächste der größeren europäischen Länder galt. Das wüste Bramarbasieren nationalistischer Politiker und Militärblogger ist das Pfeifen im Walde. Russland wird als Vasall Chinas enden – oder wieder den Weg der Annäherung an Europa suchen müssen wie nach 1991. Zurück auf null – Putins blutiges Abenteuer wird die Russen dreißig Jahre politische und zwanzig Jahre ökonomische Entwicklung gekostet haben.
Deutschland – neue Wege
Und Deutschland? Irgendwann werden wir uns aus dem Schlamassel aus Angst und Lethargie herausgearbeitet haben, in den wir vor zwei Jahrzehnten hineingestolpert sind. Wir beginnen gerade wieder zu begreifen, dass wir tatsächlich durch Handeln Einfluss auf unsere Lage und auf die diversen Krisen um uns herum nehmen können. Und je mehr wir alle uns wieder ans Handeln gewöhnen, desto schwächer wird das Gefühl der Ohnmacht werden, das die Ursache für so viel Angst, Frust und Wut geworden ist.
Deutschland wird weder „untergehen“ noch sich in einer postnationalen Weltgemeinschaft „auflösen“. Deutschland ist der Kulturraum, in dem Mitteleuropäer deutscher Sprache – egal ob Erst-, Zweit- oder Drittsprache, egal ob aus Dortmund, Dresden oder Damaskus gebürtig – demokratisch ihr Zusammenleben organisieren. Zusammen hält sie die Sprache sowie die Tradition, die in dieser Sprache abgespeichert ist und die auch eingewanderten neuen Deutschen zur Verfügung steht. Jedes Jahr wird dieser Schatz um neue Erinnerungen und Errungenschaften erweitert. Er wird damit immer wertvoller, sofern wir wie auch bisher schon sorgsam das Zukunftswerte vom Belanglosen oder Schädlichen scheiden.
Zusammen hält uns auch das Interesse, einander in Krisen nachbarlich beizustehen und uns im globalen Gerempel gemeinsam mit anderen Europäern gegen die neuen Imperialisten in aller Welt zu behaupten. Letzteres wird erfordern, dass Deutschland als wirtschaftlich größtes Land des Kontinents viel entschlossener darauf drängt: Europa muss fähig werden, Macht auszuüben. Deutschland muss Europa großmachttauglich machen, ohne aber der Versuchung zu erliegen, Europa anführen zu wollen.
Die Gewässer, in denen wir uns wiederfinden, wenn wir den Maschinenraum verlassen haben, werden uns unbekannt sein; aber die Sonne wird auf die Wogen scheinen und ganz fern am Horizont wird vielleicht ein Streifen sichtbar sein, der Land bedeuten könnte. Wer jetzt auf der Brücke wäre, könnte den Kurs setzen. Wo ist das Ruder? Wir waren viel zu lange unter Deck.
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