Thorsten Kleinschmidt, 23. Oktober 2024

Deutschland ist nicht mehr tüchtig zur Zukunft, scheint es. Allenthalben erhebt sich Klage über marode Zustände, über fehlende Dynamik, über phantasielose Durchwurstelei. Die Autoindustrie, die Altengesellschaft, die Außenpolitik; die Bahn, die Bürokratie, die Bundeswehr … Von A bis Z ließe sich in Schlagworten durchbuchstabieren, wo alles sich Abgründe der Untüchtigkeit im Lande auftun. Dabei, das ist unsere Überzeugung, braucht Europa ein dynamisches Deutschland; braucht die Welt ein dynamisches Europa. Da Jammern aber auch kein Ausweis von Tüchtigkeit ist, wollen wir das Problem analytisch angehen.
 

Mittelmäßigkeit - ein gesellschaftliches Phänomen

Wir sollten noch einmal über die Mittelmäßigkeit reden. Vor einiger Zeit haben wir die Mittelmäßigkeit ja schon bei deutschen Politikern verordnet; heute gestehen wir ein, dass das Problem auch bei uns liegt, bei uns allen. Denn es ist sehr schwer, nicht mittelmäßig zu handeln, wenn die ganze Gesellschaft mittelmäßig ist. 

“Dem einzelnen Menschen mögen mancherlei persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen schweben, aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung und Tätigkeit schöpft; wenn das Unpersönliche um ihn her, die Zeit selbst der Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren Regsamkeit im Grunde entbehrt, wenn sie sich ihm als hoffnungslos, aussichtslos und ratlos heimlich zu erkennen gibt und der bewusst oder unbewusst gestellten Frage nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbedingten Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles Schweigen entgegensetzt, so wird gerade in Fällen redlicheren Menschentums eine gewisse lähmende Wirkung solchen Sachverhalts fast unausbleiblich sein…”

Thomas Mann, Der Zauberberg

Anders formuliert: Ist die gesellschaftliche Umgebung mittelmäßig, bleibt es der Einzelne oder die Einzelne auch. Die Zeit, in der man lebt, muss einem Antworten auf die Frage “wozu sich strebend abmühen?” geben - allein findet man diese Antworten kaum und wird sich nicht mit aller Kraft Großem zuwenden können, also Dingen, die nicht nur einem selbst, der Familie, der Firma oder den Kunden zugute kommen.

Wenn das stimmt, ist eine entscheidende Frage: Was macht eine Zeit zu einer mittelmäßigen? Und noch wichtiger: Wie überwindet eine Gesellschaft die Mittelmäßigkeit ihrer Zeit? Was muss geschehen, damit eine Gesellschaft in Bewegung kommt, sich Ziele setzt, auf die alle ihre große Hoffnung und viele ihre besten Kräfte verwenden können?

Wann wird eine Gesellschaft “nicht-mittelmäßig”?

Nichtmittelmäßige Gesellschaften waren oft Gesellschaften, die sich großen Herausforderungen gegenübersahen, welche sich gleichzeitig mit großen Chancen verbanden. Einer Kombination von einem Bewusstsein des Ernstes einer Lage und der begründeten Hoffnung auf eine nicht ferne Zukunft, die den Einzelnen bald für seine Bemühungen belohnen würde. 

Das Italien der Renaissance entstand zwischen Pestepidemien und zahllosen Kriegen und lebte vom Glauben an die Wiederherstellung der glänzenden Zivilisation der Antike im Hier und Heute (und von der Begründung einer frühkapitalistischen Wirtschaftsdynamik). Das Holland des Goldenen Jahrhunderts war ständig von missgünstigen Nachbarn durch Krieg bedroht, und erlebte gleichzeitig, wie jeder Ostindienfahrer, der vollbeladen in den Hafen von Amsterdam einlief, den Wohlstand und das Zivilisationsniveau des Landes weiter hob. Die französischen Intellektuellen der Aufklärung lebten in ihrem von sozialer Spaltung zerrissenen Land wie auf den Hängen eines Vulkans und waren doch gleichzeitig davon überzeugt, dass ihren Ideen die Zukunft gehörte, und zwar schon die nahe Zukunft.


Deutschland - zur Mittelmäßigkeit verurteilt?

Wenn auch das stimmt, ist Deutschland von einer Überwindung seiner Mittelmäßigkeit weit entfernt. 

Zum einen haben nur wenige tatsächlich den Ernst unserer Lage erkannt; die Masse ergötzt sich am Status Quo und hat nur manchmal ein ganz unbestimmtes Bauchgrummeln, das die gute Laune verdirbt. 

Zum anderen ist Hoffnung ein rares Gut - es dominieren apokalyptische Erzählungen auf der einen, beschwichtigende Fabeln auf der anderen Seite. Weder das eine noch das andere macht Hoffnung. Zum dritten sind Belohnungen für Mühen in naher Zukunft nicht in Sicht. Die Gurus, die unsere Probleme bewirtschaften, werden nicht müde uns zu erklären, dass man langfristig denken müsse: Klimarettung, Aufrüstung, europäische Integration, Friedensordnung, gerechte Gesellschaft - alle Früchte der Arbeit an diesen Problemen sind nur in so langfristiger Perspektive zu erblicken, dass niemand weiß, ob sich für ihn persönlich welches Engagement auch immer überhaupt in Glück und Zufriedenheit auszahlt. Immer sollen wir nachfolgende Generationen im Blick haben - schön und gut, aber was ist mit den gegenwärtigen Generationen? 

Nun werden die Menschen den Ernst der Lage irgendwann zwangsläufig erkennen, wenn der Karren gegen die Wand fährt. Hinsichtlich der Hoffnung können wir Entsprechendes nicht annehmen. 

 

Wie man Mittelmäßigkeit überwindet

Vielleicht wäre also eine Frage, mit der wir aus dem Sumpf der Mittelmäßigkeit uns herauswinden können: Worauf wollen wir hoffen? Was müssen wir erreichen, um zufrieden und manchmal glücklich zu sein? Was ist ein motivierendes Ziel, das diese Gesellschaft sich setzen kann? Es muss ein positives Ziel sein; anders als all die Ziele, die üblicherweise so diskutiert werden, die nur negative Ziele sind: “dass die Klimaveränderung NICHT weitergeht”, “dass es KEINEN Krieg gibt”, “dass der Wohlstand NICHT gefährdet wird”, “dass die sozialen Sicherungssysteme oder das Gesundheitssystem NICHT zusammenbrechen”… Wer hat schon Lust, sich dafür einzusetzen, dass alles bleibt wie es ist? 

Gehen wir der Zielfrage nach, teilt sie sich in drei Fragen, die vielleicht nicht zufällig nach Immanuel Kant klingen: 

Was müssen wir wollen? Was dürfen wir hoffen? Was wollen wir tun? 

Wenn viele Menschen diese Fragen in einem ähnlichen Sinn beantworten, so vermuten wir, dann kann eine Dynamik entstehen, die uns aus unserer Mittelmäßigkeit heraustreten lässt.

“Was müssen wir wollen?”

Die Frage nach den Aufgaben, die unsere Zeit uns stellt. Sozusagen nach den Hindernissen, die wir Menschen der Gegenwart dem Fortschritt aus dem Weg räumen müssen, damit Menschen der Zukunft ihn sich zu eigen machen können. Wir müssen zum Beispiel Klimaneutralität erreichen und einen nachhaltigen Lebensstil entwickeln; wir müssen unseren Lebensraum Europa gegen Großmachtimperialismus behaupten; wir müssen Lösungen finden für die neue soziale Frage, die Kluft zwischen Globalisierungsgewinnern und -verlierern; wir müssen eine neue Epoche der Aufklärung wollen, um gesellschaftliche Gräben zu überwinden und uns in einem neuen Modernisierungsschub zusammenzufinden, mit Technologien, die Alltag und Arbeitswelt revolutionieren werden; wir müssen Wege finden, Chancen und Belastungen durch weltweite Migrationsströme zwischen Ländern und Regionen auszugleichen. Zum Beispiel.

“Was dürfen wir hoffen?”

... fragt danach, was wir Einzelnen denn von der besseren Zukunft haben könnten. Allen Krisen zum Trotz ist der Triumphzug der Wissenschaften auf absehbare Zeit nicht beendet. Und auf dem Gebiet der Wirtschaft könnten neue Technologien wie KI ohne großen Ressourcenverbrauch so viel Produktivitätsfortschritt erbringen, dass negative Effekte durch Klimawandel und Verabschiedung fossiler Energien mindestens kompensiert werden. Hoffen dürfen wir daher, gute Zeit und Freiheit zu gewinnen: länger und gesünder zu leben, als irgendeine Generation vor uns; weniger und gleichzeitig freier für unseren Lebensunterhalt zu arbeiten; mehr Energie für andere Daseinszwecke zu haben. Die Industrialisierung hat seinerzeit die Lebenszeit des Menschen dem Rhythmus der Maschinen unterworfen. Wir dürfen nicht weniger hoffen, als uns Zeit und Freiheit zurückzuholen.

“Was sollen wir tun?”

Das ist die Frage, die zu beantworten der Einzelne nicht delegieren kann. Hier bewährt sich ja zum ersten Mal der Wille zur Freiheit, der uns in eine gute Zukunft führen könnte. Vielleicht lässt sich sogar so formulieren: Wenn wir es schaffen, uns diese Frage zu beantworten, haben wir den ersten und vielleicht schon entscheidenden Schritt heraus aus der Mittelmäßigkeit getan. Denn Mittelmäßigkeit zeigt sich oft gerade darin, dass wir uns kein eigenes Ziel setzen mögen, dass etwa fixieren könnte, wonach es unsere Seele drängt. Stattdessen stolpern wir gedankenlos auf den Wegen daher, die andere lange vor uns ausgetreten haben, und machen, was alle machen, weil es alle machen. 

Daher endet dieser Text nicht mit einer weiteren Antwort, sondern mit zwei Feststellungen und einer Frage:

Feststellung 1: Wir sehen uns als Gesellschaft großen Aufgaben gegenüber, denen wir uns stellen müssen.

Feststellung 2: Wenn wir diese Herausforderungen annehmen, können wir ein großartiges Leben in inspirierter Freiheit leben.

Frage: Was sollten Sie jetzt tun? 

Diese Frage geht an Sie. Sie sollten wirklich versuchen, sie zu beantworten - für Ihr gutes Leben und unser aller Zukunft.

 

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