Bohemia. A desert country near the sea.
(Shakespeare: The Winter's Tale. Act III, Scene III)

Liegt Kiew in Europa? So wie Böhmen am Meer liegt.

Russland und die EU kämpfen derzeit um die Seele der Ukraine –  so könnte man meinen, wenn man das Hickhack um die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens zwischen der Union und Kiew verfolgt. Beschreiten die Ukrainer den Weg weiterer Annäherung an die EU, oder entscheiden sie sich für die engere Zusammenarbeit mit Russland?  Bei näherem Hinsehen geht es für die ukrainische Führung beim Ausgang dieser Geschichte aber weniger um Seelennöte als um Geld und Macht. ( Ukraine Nachrichten, Ukrainskaja Prawda

Egal wie dieses Geschacher und Geschiebe ausgeht: Es wird noch viel Wasser den Dnjepr hinabfließen, bis die Kiewer Rus sich wieder zu Europa bekennt.


Der mittelalterliche Staat der Ostslawen – also der heutigen Russen, Ukrainer und Weißrussen –  wurde einst von Griechen und Bulgaren christianisiert, europäisiert. Das erobernde Mongolenheer des Dschingis-Khan-Enkels Batu trennte im 13. Jahrhundert das christliche Osteuropa mit dem Schwert vom Westen ab. Aber schon bald gelang es Litauern und Polen, die asiatischen Eroberer aus den Westgebieten der ehemaligen Rus wieder zu vertreiben. Die Bewohner dieser befreiten Gebiete wurden Teil des polnisch-litauischen Staates und damit des mitteleuropäischen Kulturkreises. Aus ihnen entwickelten sich die Ethnien der Weißrussen und Ukrainer.

Der Osten der alten Rus befreite sich später aus eigener Kraft und trat die imperiale Nachfolge der Mongolen in Osteuropa und Nordasien an. Hier entstand bis zum 16. Jahrhundert das Russische Reich. Es geriet schnell in Konkurrenz zu Polen, der alten christlichen Großmacht des osteuropäischen Raums. Der jahrhundertelange Konflikt mit Polen wurde ideologisch hochstilisiert zu einem Gegensatz zwischen Russland und „dem Westen“; eine Denkschablone, die, einmal erprobt, sich auch für spätere Konflikte passend machen ließ – bis in die Gegenwart.

Nur die Schlagwörter, mit denen dieser vermeintliche Gegensatz belegt werden sollte, änderten sich jeweils: „russische Orthodoxie“ gegen „westlichen Katholizismus“, „russische Orthodoxie“ gegen „westlichen Protestantismus“, „russisches Autokratie“ gegen „westliche Demokratie“, „russische Gemeinschaft“ gegen „westlichen Individualismus“, „russisches Bauerntum“ gegen „westliche Industrialisierung“, „russische christliche Werte“ gegen „westliche Amoralität“ (oder aus westlicher Sicht „russische Barbarei“ gegen „westliche Zivilisation“), „russische Volkstümlichkeit“ gegen „westlichen Kosmopolitismus“, „russische Ordnung“ gegen „westliche Unordnung“ (aus westlicher Sicht genau umgekehrt), „russischer Kommunismus“ gegen „westlichen Kapitalismus“, „russischer Eurasismus“ gegen „westlichen Atlantizismus“ und so weiter und so fort.

Die Ukraine und Weißrussland waren der Preis in den endlosen Kämpfen zwischen Russland und Polen. Entsprechend wurden sie auf der imaginären Landkarte der Ideologie ständig hin- und hergeschoben. Mal galten sie als Bastion des Polentums, des Katholizismus, des Westens gegenüber den asiatischen Horden; dann wieder als Leuchtturm der Orthodoxie und Vorposten des wahren Slawentums gegenüber dem verkommenen Westen. Kein Wunder, dass sich beide Gesellschaften bis heute nicht einig sind, ob sie lieber zu „Europa“ oder doch lieber zu einem vagen „russisch-eurasischen Raum“ gehören möchten.

Nun bräuchte sich das eigentlich nicht auszuschließen – Russland selbst hat kulturell mit, sagen wir, Finnland, Polen oder Rumänien viel mehr gemein als mit Usbekistan oder China. Man wagt ja kaum, es auszusprechen, aber: Russland ist ein europäisches Land. Mit einem riesigen asiatischen Kolonialreich.

Allein Russlands Eliten wollen nicht europäisch sein. „Europa“ ist ihnen zu klein, zu geregelt, zu integriert, zu demokratisch. Wer glaubt, immer noch das größte Imperium der Welt zu beherrschen, mag sich nicht auf einer Ebene mit Belgiern oder Schweden sehen. Und die Europäer westlich des Njemen haben sich daran gewöhnt, „Europa“ ohne Russland zu denken. Ist bequemer so.

Also geht es weiter, das spätmittelalterliche Spiel „Russland und der Westen“. Statt zu schauen, was man trotz allfälliger Interessenunterschiede miteinander erreichen kann, beäugen sich Russen und EU-ropäer misstrauisch von ihren jeweiligen Burgmauern aus. Die Ukrainer paddeln derweil im Burggraben; bis neulich im Graben der Burg Europa, jetzt wieder im Graben der Burg Russland.

Der Nebel aus historisierender Ideologie, der über dem Niemandsland zwischen den Festungen liegt, verdeckt dabei, dass es im Grunde um ganz handfeste Machtinteressen geht. Die russischen Eliten wollen den Zugriff auf die Ressourcen des „eurasischen Raums“ nicht mit möglichen europäischen Partnern teilen. Die EU-Länder einschließlich Deutschlands wollen Russlands politischer Klasse keinen Einfluss auf strategisch wichtige Politikfelder einräumen, der den Russen die Chance gäbe, Europa zu spalten und klein zu halten.

Arme Ukraine.

Böhmen übrigens liegt nicht am Meer und liegt doch am Meer. Seit 2007 kann man von Prag aus ungehindert von Grenzkontrollen nach Lust und Laune an die Ostsee oder an die Adria fahren. Dank sei der Europäischen Union.


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Wiktor Michajlowitsch Wassnezow: Bogatyri
(Die drei legendären slawischen Recken Dobrinja Nikititsch, Ilja Muromez und Aljoscha Popovitsch)


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