Die Eurokrise hat sich bekanntlich längst zu einer Europakrise entwickelt und stellt uns vor Fragen, die wir eigentlich gerne noch ein Weilchen verdrängt hätten. Wollen wir Deutschen wirklich ein geeintes Europa, oder war unser paneuropäisches Gerede der letzten Jahrzehnte nur Großsprecherei?

Also müssen wir wohl auch wieder die Fragen hervorkramen, die Johann Gottlieb Fichte – er wurde letzten Monat 250 Jahre alt – 1808 in den „Reden an die deutsche Nation“ formulierte:
  

„Diese Reden ... werden einladen die ganze deutsche Nation ... bei sich selbst eine feste Entscheidung zu fassen, und innerlich mit sich einig zu werden über folgende Fragen:

1. ob es wahr sei, oder nicht wahr, dass es eine deutsche Nation gebe, und dass deren Fortdauer in ihrem eigentümlichen und selbständigen Wesen dermalen in Gefahr sei?

2. Ob es der Mühe wert sei, oder nicht wert sei, dieselbe zu erhalten?

3. Ob es irgendein sicheres und durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gebe, und welches dieses Mittel sei?

...

Ich muss von nun an jeden sich selbst überlassen. Nur warnen kann ich noch, dass man durch seichte und oberflächliche Gedanken, die auch über diesen Gegenstand sich im Umlaufe befinden, sich nicht täuschen, vom tiefern Nachdenken sich nicht abhalten und durch nichtige Vertröstungen sich nicht abfinden lasse.

Wir haben zum Beispiel schon lange vor den letzten Ereignissen, gleichsam auf den Vorrat, hören müssen, und es ist uns seitdem häufig wiederholt worden, dass wenn auch unsre politische Selbständigkeit verloren sei, wir dennoch unsre Sprache behielten, und unsre Literatur, und in diesen immer eine Nation blieben, und damit über alles andre uns leichtlich trösten könnten.

  
Worauf gründet sich denn zuvörderst die Hoffnung, dass wir auch ohne politische Selbständigkeit dennoch unsre Sprache behalten werden? Jene, die also sagen, schreiben doch wohl nicht ihrem Zureden und ihren Ermahnungen auf Kind und Kindeskind hinaus und auf alle künftigen Jahrhunderte, diese wunderwirkende Kraft zu? Was von den jetzt lebenden und gemachten Männern sich gewöhnt hat, in deutscher Sprache zu reden, zu schreiben, zu lesen, wird ohne Zweifel also fortfahren; aber was wird das nächstkünftige Geschlecht tun, und was erst das dritte? Welches Gegengewicht gedenken wir denn in diese Geschlechter hineinzulegen, das ihrer Begierde, demjenigen, bei welchem aller Glanz ist, und das alle Begünstigungen austeilt, auch durch Sprache und Schrift zu gefallen, die Waage halte?

...

Oder setze man den Fall, dass unsre Sprache lebendig und eine Schriftstellersprache bleibe, und so ihre Literatur behalte; was kann denn das für eine Literatur sein, die Literatur eines Volkes ohne politische Selbständigkeit? Was will denn der vernünftige Schriftsteller, und was kann er wollen? Nichts andres, denn eingreifen in das allgemeine und öffentliche Leben, und dasselbe nach seinem Bilde gestalten und umschaffen; und wenn er dies nicht will, so ist alles sein Reden leerer Laut zum Kitzel müßiger Ohren ... Er kann deswegen nur in einer solchen Sprache schreiben, in der auch die Regierenden denken, in einer Sprache, in der regiert wird, in der eines Volkes, das einen selbständigen Staat ausmacht.“
 

Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation. Berlin 1808.

 

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