Beinahe täglich durchwandern wir die Wissenschaftslandschaft auf der Suche nach Informationen und Anregungen zu unserem Leib- und Magenthema „Deutschland und die Welt“. Soll heißen, wir durchsurfen das Internet und gehen bei den Inseln der Gelehrsamkeit an Land, die uns mit brandneuen Studien, provokanten Analysen und schmissigen Blogeinträgen locken.

Was uns bei diesen Bildungsreisen durch die Welt der Politik- und Gesellschaftsanalyse immer wieder bass erstaunt, ist die schier unüberschaubare Zahl an Instituten, Projekten, Arbeitskreisen, Forschungsgemeinschaften, Analyseportalen, Denk- und Schreibfabriken; das unermessliche Heer der Professoren und Dozenten, Direktoren und stellvertretenden Direktoren, wissenschaftlichen und redaktionellen Mitarbeiter; der Senior und Junior Policy Analysts, Students und Scholars, Correspondents und Advisors, Project Managers und Project Assistants.

Und immer wieder ertappen wir uns bei der naiven Frage, ob all dieser geballte Sachverstand das Menschengeschlecht tatsächlich voranbringt.

Auffällig ist zum einen die Redundanz. So groß die Zahl der Experten auch ist; die Zahl der neuen Ideen und Erkenntnisse bleibt doch überschaubar. Die gleichen Probleme werden an tausend Orten gleichzeitig erörtert und durchforscht, mit meist ähnlichen Ergebnissen. Nun könnten wir damit unseren Frieden machen, wenn wir annehmen dürften, diese Ähnlichkeit sei der Annäherung an die Wahrheit geschuldet, in der im Idealfall alle Analysen, alle Thesen ja sogar in eins fallen müssten.

Genau das aber können wir nicht ohne Weiteres annehmen, und hiermit wollen wir unsere Redundanzthese sogleich einschränken.

 
Denn auffällig ist zum anderen die konjunkturelle Abhängigkeit vieler Erklärungen, Deutungen und Bewertungen. Es ist zwar nicht gerade der Einfluss der Gestirne, der darüber bestimmt, welche Schlussfolgerungen wir aus bestimmten Tatsachen ziehen; es gibt aber einen starken Einfluss der Geographie und der Zeitläufte. So lässt sich bei der Lektüre von Analysen und Bewertungen der Euro- und Dollarschuldenkrisen meist ohne Weiteres ersehen, ob der Analyst aus, sagen wir, Deutschland, Frankreich, einem angelsächsischen oder einem südeuropäischen Land stammt. Und in der deutschen sicherheitspolitischen Gemeinde ändert sich die grundsätzliche Bewertung des Einsatzes militärischer Gewalt  gefühlt alle fünf Jahre, je nachdem, welche Kriege gerade in unsere Wohnzimmer flimmern. Zwischen den nach Geografie oder Zeit verschiedenen Positionen wird dabei kaum argumentativ vermittelt; sie stehen bindungslos neben- oder hintereinander – ein wissenschaftlicher Fortschritt ist selten zu entdecken.

Wir beobachten also in der Fachdebatte deutlich unterscheidbare konjunkturelle Strömungen, innerhalb dieser Strömungen aber eine starke Gleichförmigkeit und Redundanz.

Das alles spricht gegen die Idealannahme, Wissenschaft vollziehe sich im Hegel’schen Dreisprung von These, Antithese und Synthese – oder im Popper’schen Dreischritt von These, Falsifizierung und modifizierter These. Wenn sich so ein Fort-Schritt nichtsdestotrotz vollziehen sollte, dann ist er so überlagert von wissenschaftsmedialem Rauschen, dass er zumindest unserer Aufmerksamkeit entgeht. Wir wünschen, dass es so sein möge.

Was dieses Rauschen, dieses allgegenwärtige ziel- und konturlose wissenschaftliche Reden nun allenfalls bedeutsam macht: Man kann quasi dem wissenschaftlichen Weltgeist beim Denken zusehen – und dabei feststellen, dass er genauso unsystematisch, vorurteilsbehaftet, sprunghaft und vergesslich ist wie unser eigenes Denken.

Eine solche Wissenschaft, die nicht in der Lage ist, Teilerkenntnisse abzugleichen, geschweige denn einen anerkannten Erkenntnisstand für weitere Forschungen zu überliefern, vermag uns letztlich kaum mehr Orientierung zu vermitteln als ein handwerklich hochstehender Journalismus.

Des ungeachtet gibt sie ein gewisses Maß an Orientierung, weswegen wir auch weiterhin die Inseln der Gelehrsamkeit im Internet achtungsvoll ansurfen werden.

Trotzdem die ketzerische Frage: Wären die Erkenntnisgewinne geringer, wenn man – gesetzt, dies wäre möglich –  die Anzahl der Analysten weltweit pauschal um 60% senken würde, bevorzugt in Europa und Nordamerika? Vielleicht gibt es ja auch ein Zuviel an Wissenschaft; in einer stark geschrumpften scientific community wäre der Austausch, von dem Wissenschaft lebt, möglicherweise viel effektiver. Aber lassen wir das dahingestellt.

Wir ertappen uns jedenfalls manchmal dabei, dass wir die meist jungen Gesichter bedauern, die uns aus den „Über-uns“- oder „Personal“-Seiten der unzähligen Fachportale anschauen. Gibt es keine Tätigkeitsfelder, auf denen begabte Menschen ihre Talente und ihre Energie sinnvoller einsetzen können?

Aber dieser Frage muss sich wohl jeder von uns hin und wieder stellen.

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P.S. Das  alles ist nichts Neues und also letztlich auch – horribile dictu –  redundant, aber wir möchten doch einmal unser Unbehagen darüber ausgedrückt haben. Auch meinen wir, dass es in einer Zeit, die von Exzellenz-Clustern fantasiert, nie ganz überflüssig ist, der Wissenschaftsschelte eine Gasse zu öffnen.

P.P.S. Nichtsdestotrotz möchten wir dem Leser unsere fortlaufend wachsende Sammlung von Wissenschaftslinks ans Herz legen...

    

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