Die Nachkriegszeit ist vorbei - wir leben in der Vorkriegszeit.


1989 war die Geschichte zu Ende. Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Nationalismus und Rassenhass gehörten nun auch der Straflagersozialismus, der Kalte Krieg und die Atomkriegsgefahr der Vergangenheit an. "The End of History" sollte Francis Fukuyama drei Jahre später konstatieren. Alles war gut.

Von nun an würde alles anders; davon waren wir überzeugt. Mit der künstlichen Aufspaltung Europas, ach was, der Menschheit in zwei politische Lager war Schluss, und damit war - ganz sicher - auch die Gefahr großer Kriege gebannt. In Europa freute man sich auf Friede, Freude und Eierkuchen, und die Konflikte in der damals so genannten Dritten Welt hatten wir nie so richtig ernst genommen. Das waren doch Stellvertreterkriege, die sich aus der jetzt überwundenen Konfrontation der Ersten und der Zweiten Welt ergeben hatten.

Nach dem Ende der wechselseitigen Blockade von Ost und West in der UNO würde die Weltorganisation jetzt endlich so funktionieren wie vorgesehen und die verbliebenen Konflikte bald befrieden. Der absurde Rüstungswettlauf war beendet, und die frei werdenden Gelder konnte man einfach dazu verwenden, die Länder der "Dritten Welt" auf den Pfad unumkehrbarer nachhaltiger Entwicklung zu führen. Ach ja, und der Kapitalismus war durch den europäischen Sozialstaat längst gezähmt.

Wir hatten eine neue Stufe zivilisatorischer Entwicklung erklommen. Wir wussten:

  • "Politische Konflikte zwischen Staaten beruhen auf Missverständnissen, die sich rasch klären lassen – man muss nur miteinander reden."

  • „Wirtschaftliche Interessenskonflikte zwischen Staaten gibt es eigentlich nicht. Alle haben doch das gleiche Interesse an freiem Welthandel - der wird schließlich allen zu Wohlstand verhelfen.“

  • "Ein Gegner ist ein Freund, den wir noch nicht gewonnen haben. Oder ein Partner, dem wir nicht weit genug entgegen gekommen sind."

  • "Gewalt ist keine Lösung."


Daraus leiteten wir die Prinzipien moderner Außenpolitik ab: Dialog, Handel, Kompromiss, Friedfertigkeit.

Während der Balkankriege der Neunzigerjahre wollte diese moderne Außenpolitik nicht so recht funktionieren. Aber das focht uns nicht an. Die Menschen auf dem Balkan waren einfach noch nicht so weit.  Daher machten wir halbherzig mit, als die Amerikaner diese Kriege mit traditionellen militärischen Mitteln beendeten. Na ja, Schwamm drüber, die Amerikaner waren halt auch noch nicht so weit. Unsere Modernität bewiesen wir uns dadurch, dass wir den kriegerischen Politikansatz der USA wacker kritisierten und unsere eigenen Streitkräfte in den Folgejahren bis zur Funktionsunfähigkeit reduzierten.

Aber natürlich war die Geschichte auf unserer Seite. Das bestätigten wir uns gegenseitig immer wieder, als nach und nach fast alle Länder Europas Mitglied unserer dialog- , handels-, kompromiss- und friedensorientierten Europäischen Union werden wollten.

Da ist es völlig logisch, dass wir auch die Ukraine-Krise in diesem Licht interpretieren: Klar, die Russen und Ukrainer sind zivilisatorisch noch nicht ganz auf der Höhe, und die Amerikaner auch nicht. Aber umso wichtiger ist es doch – oder nicht? - , dass wir unsere außenpolitischen Prinzipien hochhalten. Und so dialogisieren wir in endlosen diplomatischen Runden und merken gar nicht, dass uns niemand zuhört. Wir bemühen uns so redlich, Russland zu verstehen, dass wir schon anfangen, Imperialismus eigentlich ganz in Ordnung zu finden, so lange er von Moskau und nicht von Washington ausgeht. (Ja, das Beanspruchen einer „Einflusszone“ ist imperialistisch!) Wir sind so von der Bedeutung des Handels überzeugt, dass wir glauben, alle Welt zittere vor unseren Wirtschaftssanktionen. Unsere Kompromissbereitschaft geht so weit, dass wir die Annexion der Krim, die erste gewaltsame Verschiebung der Grenzen in Europa seit 1945, eigentlich schon akzeptiert haben. Und wir werden nicht müde zu betonen, dass es keine militärischen Optionen gibt, denn: „Gewalt ist keine Lösung.“

Ist sie leider doch.


Der Straßenräuber, der die alte Dame ausplündert, hat das Problem seiner momentanen Geldknappheit effektiv gelöst. Gleiches gilt für den autokratischen Herrscher, der einen Krieg vom Zaun bricht, um sein Volk von einer längst fälligen Revolution abzulenken. Oder eben für den Präsidenten, der Bürgerkrieg im Nachbarland schürt, um zu verhindern, dass dessen Regierung sich seinem Einfluss entzieht. Vielleicht hält das alles nicht lange, aber wer sagt, dass Problemlösungen immer für die Ewigkeit sein müssen? Es gibt ja noch mehr alte Damen, die man ausplündern kann.

Wir verträumten Mitteleuropäer halten es für ausgemacht, dass alle rational agierenden Menschen immer auf das Endziel einer guten Welt, einer Welt von Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand für alle, hinarbeiten. Dieses Gute suchen wir auch in den Putins (und George W. Bushs) dieser Welt. Was aber, wenn diese an einer guten Welt gar nicht interessiert sind? Was, wenn es jemandem nur darum geht, sich für die nächsten fünf Jahre an der Macht zu halten und während dieser Zeit seine Schäfchen ins Trockene zu bringen? Oder, idealistisch gewendet: Was, wenn jemand lieber als großer Feldherr in die Geschichte eingehen möchte, denn als Reformator des Rentensystems? Was, wenn er Dialog nur als Mittel benutzt, um die Zeit zu schinden, die er braucht, um seine nächste Offensive vorzubereiten? Was, wenn ihm das wirtschaftliche Wohlergehen seiner Untertanen ziemlich egal ist? Was, wenn er sich Kompromisse nicht leisten will, da er sich seiner Bevölkerung immer als Sieger präsentieren muss, um nicht vom Thron gestoßen zu werden? Was, wenn er aus all diesen Gründen einen nützlichen kleinen Krieg gar nicht verhindern will?

Dann haben wir aufgeklärten Freunde der Zivilisation ein Problem. Denn mit solchen Gegnern können wir nicht umgehen. Sie sind in unserem politischen Weltbild einfach nicht vorgesehen, einem Weltbild, das geprägt ist durch den Traum vom Ende der Geschichte.

Es ist Zeit, dass wir uns ehrlich machen: Wir haben uns ein Vierteljahrhundert lang in die Tasche gelogen. Dialog, Handel, Kompromiss und Friedfertigkeit reichen nicht aus, um die Welt sicher zu machen.

In der Ukraine-Krise stolpern wir auf Schritt und Tritt über unbequeme Wahrheiten:
  • Gewalt funktioniert. Für den, der stark ist – gegenüber dem, der schwach ist.

  • Angriffskriege können sich lohnen.

  • Abrüstung wird bestraft, wenn man einen missgünstigen Nachbarn hat, der nicht mitabrüstet.

  • Es gibt keine Weltpolizei. Völkerrecht und Vereinte Nationen bieten keinen Schutz gegen Mächte, die gewaltbereit sind.


Das alles ist nicht neu. Wir wollten es nur nicht wahrhaben. Jetzt sollten wir verstehen: Das Zeitalter der Kriege ist in Europa nicht vorbei.

Dialog, Handel, Kompromiss und Friedfertigkeit bleiben die Grundlagen jeder zivilisierten Politik.  Für den Umgang mit Staaten und Regierungen, denen diese Art politischer Zivilisation egal ist, muss man sich anders wappnen.
Auch für die Putins und Bushs dieser Welt ist Gewalt nur dann ein effektives Mittel, wenn das Gegenüber schwach ist. Also müssen wir anderen dafür sorgen, dass unsere Staaten stark sind; dass wir über Machtressourcen verfügen, die Respekt einzuflößen geeignet sind. 

Konkret:

Deutschland muss in enger Abstimmung mit seinen europäischen Verbündeten seine Streitkräfte wieder aufbauen, die EU zusammenhalten und seinen politischen wie wirtschaftlichen Einfluss an der europäischen Peripherie zu vergrößern suchen. Oder anders: Deutschland muss sich in die Lage versetzen, bei imperialistischen Abenteuern fremder Mächte im europäischen Raum jederzeit wirksame Gegenmacht zu organisieren.

Verständnis allein bringt uns irgendwann nicht mehr weiter.



Der Autor dieser Zeilen bekennt, ein Russlandversteher zu sein; 25 Jahre hat er versucht, die Welt mit russischen Augen zu sehen. Aber Verständnis kann auch verstörend sein. Imperiale Nostalgie, Dolchstoßlegenden, nationaler Narzissmus, soziale Integration durch das Beschwören eines äußeren Feindes bei gleichzeitiger politischer Apathie breiter Bevölkerungskreise – als Deutscher mit historischem Bewusstsein versteht man das durchaus. Aber man versteht auch, wo das enden kann. Und man versteht, dass Appeasement keine zielführende Strategie ist.



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