Zu Ostern Erbauliches.

Warum geht die katholische Kirche eigentlich nicht unter?

Spätestens seit Martin Luther wird ja ihr baldiges Ende beschrien. Die Katholiken waren auf dem direkten Weg in die Hölle, glaubten die Protestanten. Die Kirche würde vor dem Licht der Vernunft dahinschmelzen wie der Schnee in der Frühlingssonne, wussten die Aufklärer. Der Katholizismus war wie die Religion überhaupt nur Herrschaftsideologie und musste den besitzenden Klassen in den Orkus der Geschichte hinab nachfolgen, verkündeten die Marxisten. Katholischer Glaube und katholischer Ritus sind nur Reservate vormoderner Unmündigkeit des Menschen und nostalgischer Sehnsucht nach einfachen Gewissheiten; sie sind Kinderkrankheiten der Menschheit und werden sich auswachsen, trumpfen heute unsere skeptischen Modernen auf.

Tja. Die katholische Kirche ist immer noch da. Und außerhalb des verzagten Europa, das heute Probleme mit jedweder selbstbewusst vorgetragenen Weltanschauung hat, sind keinerlei Anzeichen eines baldigen Ablebens zu erkennen.

Sind eine Milliarde Menschen alle vom Teufel besessen? Sind sie alle unvernünftig? Sind sie alle verblendet? Sind sie alle unreif und nostalgisch? Wirklich alle, alle, alle? (Und alle anderen nicht?)

Oder könnte es nicht sein, dass die geistige Welt des Katholizismus Ideen und Prinzipien enthält, die auch für nicht-besessene, vernünftige, klarsichtige, reife und der Zukunft zugewandte Menschen anziehend sind?

Von den letzten Dingen wollen wir hier gar nicht reden. Um an Gott zu glauben, bräuchte es keine Kirche, die katholische schon gar nicht. Und andererseits gibt es auch skeptische Katholiken, die nicht an Gott glauben, sehr wohl aber an den Papst. Nein, es ist nicht Gott, der den Charme des Katholizismus ausmacht.

   
Der Charme der Werte

Es sind Werte, die wo nicht den Kern, so doch die Frucht des Christentums ausmachen: Menschenliebe und Barmherzigkeit, Uneigennützigkeit und Bescheidenheit, Hilfs- und Opferbereitschaft, Gewissenhaftigkeit und Redlichkeit; aber auch Bekennermut und Pflichtgefühl, Festigkeit und Seelenstärke.

Natürlich: Diese schönen Tugenden gelten auch Nichtchristen als erstrebenswert; sie sind nicht in erster Linie religiös, sondern säkular und humanistisch. Aber die christlichen Gemeinschaften vermitteln diese Werte oft nachdrücklicher und schwungvoller. Bei den Säkularen kommt das sogenannte humanistische Erbe oft so vernünftelnd-entschuldigend daher, ohne Emphase und Begeisterung, lau und ohne Glücksversprechen. Die Gleichnisse der Bibel, die Worte der Bergpredigt sind in ihrer monumentalen Einfachheit klar und eingängig. Sie setzen sich im Gedächtnis fest und bleiben dort ein Leben lang erhalten. Das lässt sich von der Herleitung des Kategorischen Imperativs in Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ nicht unbedingt behaupten.

Christliche Gemeinschaften also vermitteln Werte: an Kinder; in die Gesellschaft hinein. Und sie tun das vielleicht effektiver als säkulare Gemeinschaften. Dass nicht alle dieser Werte unumstritten sind, ist so wahr wie banal. Denn zum Einen ist eine Gemeinschaft, in der nicht über Werte gestritten wird, kaum vorstellbar. Zum Anderen können umstrittene Werte in einer offenen Gesellschaft gar nicht anders vermittelt werden, als dass notwendigerweise auch die Gegenpositionen zur Sprache kommen. Die innerchristliche Bewegung der Aufklärung hat seit dem 18. Jahrhundert die geschlossenen Weltbilder in christlichen Gemeinschaften gründlich zerstört. Das moderne europäische Christentum ist de facto tolerant und pluralistisch. Wo über Werte gestritten werden muss, darf auch gestritten werden. Eine autoritäre ideologische Indoktrination findet nicht mehr statt. Die meisten europäischen Katholiken jedenfalls betrachten umstrittene Dogmen längst nur noch als kuriose oder ärgerliche, jedenfalls unverbindliche  Meinungsäußerungen aus eher rückständigen Kreisen des theologischen Establishments – und damit keinesfalls als Teil des zu vermittelnden christlichen Wertekanons. Was der Papst für richtig hält, halten deshalb katholische Eltern, Lehrer, Jugendgruppenleiter und selbst Pfarrer noch lange nicht für richtig. Und diese bestimmen unterm Strich, was christliche Werte sind und was nicht.
 

Der Charme der Gemeinschaft

Christliche Gemeinschaften vermitteln aber nicht nur Werte; sie versuchen auch, sie zu leben. Dabei entsteht ein wertgebundenes kulturelles Milieu; eine Gemeinschaft, in der man sich aufgehoben fühlen kann; in die man eintauchen kann, aber nicht muss. Anders als einst ist dieses Milieu heute nicht mehr geschlossen. Früher konnte das enge Miteinander in weltanschaulich abgeschotteten Gemeinden in repressiven, scheinheiligen Tugendterror ausarten. In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts jedoch weht der Geist, wo er will. Die Strukturen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sind viel unverbindlicher und wandelbarer – man kann den Anschluss an christliche Gemeinschaft suchen und sich dann auch jederzeit wieder zurückziehen; von traditioneller Kirchenfrömmigkeit über soziales Engagement oder die Nutzung kirchlicher Kindergärten bis zu einer von vagem Interesse an Religion beseelten Beobachterrolle sind viele Arten der Teilhabe an solcher Gemeinschaft möglich. Christliche Gemeinschaften sind heute Angebote, bei denen man Orientierung, Geborgenheit oder Hilfe finden kann, ohne dass man fürchten müsste, in ein enges Korsett von Erwartungen und Verpflichtungen gesteckt zu werden, aus dem man nicht mehr herauskommt. Das ist auch für Individualisten attraktiv. Säkulare Gemeinschaftsangebote ähnlicher Qualität sind rar.

Diese Art lockerer, unverbindlich-verbindlicher, viele Lebensbereiche umfassender Gemeinschaft bieten nun aber auch Protestanten oder Muslime – vielleicht auch SPD-Ortsvereine (oder nicht? Wir kennen uns da nicht so aus.) Wo bleibt denn nun das eigentlich Katholische?

Und jetzt wird’s endlich politisch. Wir sehen das Typische der katholischen Kirche in ihrer entschieden politischen Ausrichtung.
 

Der Charme der Macht

Die katholische Kirche hat immer gewusst, dass es nicht ausreicht, ein gutes Konzept zur Verbesserung der Welt zu haben. Nein, man muss dieses Konzept auch umsetzen. Und dazu hat sich die Kirche nie auf den Heiligen Geist verlassen; die spontane spirituelle Erneuerung der Menschheit war eine zu unsichere Sache, als dass man nur auf Predigten und Bekehrungsaufrufe hätte setzen wollen. Daher hat der Katholizismus stets nach dem Aufbau politischer Institutionen getrachtet. Es ging darum, mit Hilfe der Ressourcen der Gläubigen gesellschaftliche Machtpositionen zu erringen und institutionell abzusichern, um so Politik und Gesellschaft nach Maßgabe der eigenen Werte beeinflussen zu können. So entstand aus kleinen Anfängen im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende der gewaltige, weltumspannende Apparat der katholischen Kirche. Voraussetzung war, ist und bleibt das Bewusstsein von der Bedeutung wirtschaftlicher und politischer Macht.

Diese Machtfixierung ist der Kirche immer wieder vorgeworfen worden und hat zu zahlreichen Abspaltungen geführt. Es stimmt ja: Wo unkontrollierte Macht ist, da wird diese auch missbraucht. Und die Kirche hat ihre Macht in der Vergangenheit missbraucht. Das allerdings hat der säkulare Staat auch – und der Nachweis, dass Politiker oder auch Wirtschaftsbosse mit ihrer Macht verantwortlicher umgehen als Kirchenführer, dürfte schwer zu erbringen sein.

Der Grundgedanke aber ist heute so richtig wie vor tausend Jahren. Wer in einer von Machtinteressen geprägten Welt etwas bewegen will, muss dagegen halten können, braucht selbst Einfluss und Macht – Meinungsmacht, Wirtschaftsmacht, politische Macht. Und wer Einfluss und Macht erringen, ausüben und behalten will, braucht starke Institutionen.

Dabei tritt der Katholizismus heute nicht mehr als Konkurrenz zum demokratischen Staat auf; mit dem hat selbst die römische Kurie längst ihren Frieden gemacht. („Die Bestimmung der Regierungsform und die Auswahl der Regierenden muss dem freien Willen der Staatsbürger überlassen bleiben“, heißt es im Katechismus.) In der politischen Arena der Demokratie treten die katholischen Institutionen als Lobby für das auf, was ihre hohen Funktionäre für christlich-katholische Werte halten. Das ist nicht immer erfreulich, aber legitim.

Außerhalb der Komfortzone der Demokratie, in autoritären Systemen oder im moralischen Niemandsland der Internationalen Beziehungen, bleibt die Institution Kirche vielfach ein zentral wichtiger politischer Akteur. Dort hat ihre Machtorientierung sie in der Vergangenheit zuweilen in einen fatalen Flirt mit ultrareaktionären Despoten geführt: Wer das Streben nach eigenem politischem Einfluss so in den Genen hat, erliegt manchmal der Versuchung, sich in gesellschaftlichen Konflikten auf die Seite derjenigen zu stellen, die zwar nicht das Recht, aber die Macht haben. Doch hat die Kirche auch eine lange Tradition der Verteidigung der Unterdrückten und Entrechteten. Die Kämpfe zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten wurden immer auch innerhalb der Kirche ausgetragen.

Viel mehr als ihren jeweiligen Funktionären bewusst war und ist, spiegelte die Kirche selbst nämlich auch immer den zivilisatorischen Stand der Gesellschaft, aus der sie erwuchs. Dabei hinkte sie zuweilen gesellschaftlichen Entwicklungen eher etwas hinterher, zu anderen Zeiten bildete sie eher eine Avantgarde. Immer aber war sie in Bewegung – der Topos vom Felsen der Kirche, der seit 2000 Jahren unwandelbar steht, ist pure Fiktion.
  

Der Charme der katholischen Globalisierung

Heute steht die Institution Kirche in der Politik der Welt für soziale Gerechtigkeit, für Demokratie und für Frieden; sie tritt gleichzeitig energisch gegen einen marktradikalen Kapitalismus auf, den sie mit einem überzogenen Individualismus in Verbindung bringt. Damit steht sie derzeit vermutlich eher wieder in der Vorhut der zivilisatorischen Entwicklung. Daran ändern auch der wehmütige Konservatismus von Altpapst Benedikt und die wenig hilfreiche Rolle der Kirche beim Kampf gegen die Seuche AIDS nichts.

Was der Kirche als Institution fehlt, ist innere Demokratie. Wir haben es oben schon angedeutet: Was christliche Werte sind, und was nicht, bestimmen weder Päpste noch Bischöfe. Letztlich entscheiden Eltern, Lehrer, Jugendarbeiter und wohl auch Gemeindepfarrer, welche Werte als christliche Werte an die nächste Generation weitergegeben werden. Die Kirchengeschichte ist voller Papstenzykliken, um die sich niemand mehr schert, weil die in ihnen proklamierten Wertaussagen vom Kirchenvolk nicht angenommen und daher den Nachkommen nicht überliefert wurden. Tatsächlich ist es also mit dem heiligen Lehramt der Institutionenkirche nicht besonders weit her. Eher kann man beobachten, dass Veränderungen gesellschaftlicher Werte an der Basis mit einiger Verzögerung auch oben bei den Bischöfen und in Rom ankommen. Wenn es aber ohnehin so ist, dass Kirchenvolk und Kirchenfunktionäre einander ständig wechselseitig beeinflussen, dann kann das Volk die Funktionäre auch wählen, zumindest einige von ihnen. Ob das das geistliche Niveau erhöhen würde, wissen wir nicht. Bei einer Institution, deren Zweck das Ausüben von Einfluss und Macht miteinschließt, ist eine demokratische Kontrolle aber nicht vom Übel.

Aber zurück zum katholischen Charme. Der Katholizismus ist eine Wertegemeinschaft und eine politische Gemeinschaft, die Menschen in allen Teilen und vermutlich allen Ländern der Erde umfasst. In den politischen Werten, für die er steht, ähnelt er heute der Organisation der Vereinten Nationen – anders als diese umfasst er aber nicht Staaten, und damit letztlich Regierungen, sondern Menschen. Er ist keine Organisation, sondern tatsächlich eine Gemeinschaft vieler Einzelner, die durch Institutionen stabilisiert und handlungsfähig gemacht wird. Der Papst mit seiner römischen Kurie ist dabei nicht der Herrscher, der Diktator, als der er in der atheistischen Märchenstunde erscheint, sondern vor allem ein integratives Symbol. Wenn sich Katholiken aus Deutschland und Brasilien, aus Ghana und Korea, aus Australien und Indien auf dem Petersplatz begegnen, dann fühlen sie sich tatsächlich als Mitglieder einer weltumspannenden Gemeinschaft. Die katholische Kirche ist im Zeitalter der beschleunigten Globalisierung längst da, wo säkulare Organisationen wie UN oder EU erst hinwollen.

Eine im Inneren demokratisierte und föderalisierte Kirche wäre wie dazu geschaffen, zur Zivilisierung dieser Globalisierung beizutragen.

Amen.

 

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