Zusammenfassung:
Islamkritiker verstehen nicht, worum es geht. Islamverteidiger auch nicht.
Nicht die Tradition bestimmt, wie Menschen handeln, sondern Menschen bestimmen, was sie tradieren.


Metzelei im Nahen Osten, ideologischer Triumphalismus bei uns: Die selbsternannten IS-Gotteskrieger in Syrien und im Irak alarmieren Deutschlands und Europas denkende Klasse. Flugs werden derzeit die Brustwehren an der publizistischen Front im Kampf der Kulturen wieder besetzt. „Ist der Islam böse?“ fragt die August-Ausgabe des Cicero schon auf der Titelseite. Im Heftinneren macht der von uns hochgeschätzte Frank A. Meyer „den Islam“ als „verspätete Religion“ für alle Arten von Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich. Hamed Abdel-Samad erklärt, es gebe keinen Islam ohne Islamismus, und Gilles Kepel verfolgt die „Blutspur des Propheten“.

Herr im Himmel! Haben wir diese Diskussion immer noch nicht hinter uns?

Seit den Anschlägen auf die Zwillingstürme in New York hören wir solche Töne. Und ebenfalls seit dem Massenmord von 2001 hören wir auch das Mantra der Islamverteidiger:  Man dürfe nicht generalisieren, „den“ Islam gebe es nicht, der Islam sei eine Religion des Friedens, der Islam könne und müsse sich modernisieren und so weiter und so fort.

Beide Lager in diesem publizistischen Religionskrieg vergötzen den Begriff des Islam.

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Islamkritiker wie -verteidiger verwandeln in ihrer Vorstellung einen bloßen Satz disparater religiöser Ideen in eine übermenschliche Wesenheit, die seit Jahrhunderten Menschen „knechtet“ (oder „befreit“), die „Verbrechen begeht“ (oder die Menschen „zum Frieden anleiten will“), die „der Feind der Moderne ist“ (oder „sich modernisieren muss“). Dass gläubige Muslime sich ihre Ideenwelt wie eine Person denken, ist nicht verwunderlich – schließlich sehen sie hinter diesen Ideen einen personalen Gott. Wenn aber Religionskritiker im Islam ebenfalls eine überzeitliche Macht sehen, die ins Leben der Menschen eingreift – knechtend etwa oder verblendend – dann ist das schon skurril. Da schleicht sich auch bei säkularen Rationalisten das religiöse Denken durch die Hintertür wieder herein.

„Der Islam“ ist keine Person. Er kann weder denken noch fühlen noch handeln. Er ist weder ein moralisches noch ein juristisches noch ein historisches Subjekt. Deshalb kann er weder moralische noch juristische noch historische Verantwortung für irgendetwas tragen. Er ist kein er, er ist ein es.

„Der Islam“ kann niemanden knechten und niemanden befreien. Das können nur Menschen. „Der Islam“ kann auch weder für die Rückständigkeit von Gesellschaften verantwortlich sein noch für ihre Blüte. Auch Rückständigkeit oder Blüte nämlich sind Ergebnis der Entscheidungen von Menschen, die sich auch anders hätten entscheiden können.

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Gut, so hören wir einwenden, der Islam ist natürlich nicht in personalem Sinne verantwortlich für Entwicklungen etwa im Nahen Osten. Aber ist er nicht eine Ursache dieser Erscheinungen? So wie ein verstimmtes Klavier zwar nicht moralisch veranwortlich ist für die grauenhaften Töne, die von ihm ausgehen, aber eben doch ihre Ursache?

 Jein. Und jetzt brauchen wir ein bisschen Theorie. Keine Sorge, es dauert nicht lange, und wir wollen es eher hemdsärmelig angehen. Diese Klärung ist aber wichtig, damit wir uns nicht ständig mit den falschen Themen befassen, wenn wir überlegen, wie wir den Islamisten begegnen können.

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Die Beziehung zwischen dem Menschen und seinen Ideen ist schwierig. Der Mensch – Homo sapiens sapiens – lässt sich beschreiben als eine, sagen wir, psycho-physische Einheit, in der körperliche und geistige Prozesse eng – manche würden sagen „unauflöslich“ - miteinander verbunden sind.

Er wird angetrieben von Urbedürfnissen, die in seinem Erbgut verankert sind: unter anderem einem Bedürfnis nach Sicherheit für sich und die Seinen und einem Bedürfnis nach Geltung.
Dabei steht er einer hochkomplexen und tendenziell nicht freundlichen Umwelt gegenüber, der er die Befriedigung seiner Bedürfnisse abgewinnen und abtrotzen muss. Sein im Zuge der Evolution erworbener Erkenntnisapparat – das Ensemble aus Sinneswahrnehmung, Emotion und Verstand – setzt ihn in die Lage, aus dieser Umwelt das für die Befriedigung seiner Bedürfnisse vermutlich Wichtige zu identifizieren und angemessene Entscheidungen zu treffen, die ihn dieser Befriedigung näher bringen.

Den Vorgang der Identifikation des für die Entscheidung Wichtigen nennen wir auch Orientierung. Zur Orientierung entwickelt der Mensch Leitlinien – Ideen – die er aus seiner Welterfahrung ableitet und für künftige Entscheidungssitutationen im individuellen und kollektiven Gedächtnis speichert: „Gegenstände fallen nach unten“, „Stehlen ist schlecht“, „Flugzeuge sind sichere Verkehrsmittel“ oder auch „Gott beschützt mich“. Ob diese Ideen in einem absoluten Sinne „wahr“ sind, ist nicht wichtig. Was zählt ist, dass sie dem Menschen in Entscheidungssituationen zur Leitlinie dienen können und ihm dabei helfen, Entscheidungen zu treffen, die er im Nachhinein selbst als „gut“ bewertet.

So. Und jetzt zum Islam.

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Der Islam – verstanden als Religion, nicht als politische Bewegung – ist nichts anderes als ein Satz, eher noch ein Pool, ziemlich vielgestaltiger Ideen. Man kann auch sagen: Er ist ein religiös fundiertes Orientierungssystem, das aus einer Vielzahl von Ideen besteht, die einander oft widersprechen. Diese Ideen sind entstanden auf der Grundlage der Welterfahrung vieler Menschen über einen sehr langen Zeitraum hinweg. In diesem Ideen-Pool spiegeln sich die Erfahrungen einer Gesellschaft von Oasenbewohnern des 7. Jahrhunderts genauso wie etwa das Erleben imperialer arabischer oder osmanischer Eliten späterer Jahrhunderte oder die Lebensumstände der ägyptischen oder persischen Mittelschichten der vergangenen hundert Jahre. Alle diese Menschen haben Lebenserfahrungen gemacht und aus diesen Erfahrungen Ideen abgeleitet, die sie dann versucht haben, mit den Ideen, die ihnen von den Generationen vor ihnen überliefert worden waren, in Einklang zu bringen. Jede Generation hat den Ideen-Pool verändert. Der Antrieb war dabei immer, überlieferte Ideen so zu modifizieren, dass sie für die Anforderungen der jeweiligen Gegenwart als nützliche Leitlinien dienen konnten. Menschen des 21. Jahrhunderts interpretieren z.B. den Koran anders als Menschen des 16. Jahrhunderts, wobei der Text derselbe geblieben ist. Offensichtlich ist die Schrift so vieldeutig, dass sie als Orientierungsgrundlage in ganz unterschiedlichen Epochen und Gesellschaften taugt – man braucht sie nur jeweils neu auszulegen.

Der Prozess einer ständigen Anpassung der Tradition an die Gegenwart findet zu allen Zeiten in allen Gesellschaften statt. Man nennt ihn kulturelle Entwicklung. Dabei ist wichtig zu verstehen: Nicht die Tradition bestimmt, wie Menschen handeln, sondern Menschen bestimmen, was sie tradieren. Menschen entscheiden, welche Elemente der Tradition, welche Ideen der Ideenwelt, in die sie hineingeboren werden, ihnen in der Gegenwart, in der sie sich behaupten müssen, noch hilfreich sind. Und nur die Elemente der Tradition, die sich vor der Gegenwart bewähren, werden weitergegeben. Alle anderen Ideen gehen verloren oder modern in Bibliotheken vor sich hin.

Auf den Islam übertragen bedeutet dies: Wie alle anderen Orientierungssysteme wird auch dieses religiöse Orientierungssystem ständig von Menschen verändert. Es wird an die Gegenwart und an die Gesellschaft, in der die Menschen leben, angepasst, damit es weiter seine Funktion erfüllen kann, Entscheidungshilfen zu geben. Die Tatsache nun, dass der Islam bis heute existiert und weit verbreitet ist, bedeutet, dass er nach wie vor „funktioniert“ und Menschen hilft, subjektiv gute Entscheidungen in ihrem Alltag zu treffen. Anders als zahlreiche andere Weltanschauungen, nach denen kein Hahn mehr kräht, weil sie sich vor der veränderten Gegenwart nicht bewährt haben – wie etwa der jüngst verschiedene Marxismus-Leninismus.

Metaphorisch gesprochen: Weltanschauungen und Religionen wie der Islam sind ein Werkzeugkasten, aus dem Menschen sich einzelne Werkzeuge herausnehmen, die sie für die Bewältigung ihres Lebens brauchen können. Die anderen Werkzeuge sind ihnen egal, manche halten sie wohl auch für nutzlos oder in der Handhabung gefährlich. Der Bestand des Kastens ändert sich: Einige Werkzeuge gehen verloren oder werden weggeworfen, weil sie nicht mehr taugen, andere Werkzeuge kommen dazu. In seltenen Fällen landet der ganze Werkzeugkasten auf dem Müll. So lange er aber existiert und benutzt wird, erfüllt er für die Benutzer offensichtlich seine Funktion.

Manche Menschen nun richten mit ihren Werkzeugen Schaden an. Ist aber der Werkzeugkasten die Ursache, wenn einer der Benutzer einen Hammer herausnimmt und einen anderen Menschen damit erschlägt? Wir tun uns schwer damit, diese Frage zu bejahen. Die Ursachen der Tat wird die Polizei doch eher woanders suchen. Wäre der Werkzeugkasten nicht da gewesen, hätte der Täter wohl die daneben liegende Eisenstange als Tatwaffe gebraucht.

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Zurück zum Ausgangspunkt. Warum ermorden die Kämpfer des IS Menschen? Wegen des Islams? Unsinn. Der Islam, genauer: die paar Ideen, die sich die Wüstenkrieger aus dem islamischen Ideen-Pool herausgesucht haben, sind nicht die Ursache, sondern Mittel der Taten. Diese islamischen Ideen funktionieren hier nur als Orientierungswerkzeug. Die Täter basteln sich mit ihnen eine Rechtfertigung zurecht, die ihnen selbst die Entscheidung zur Greueltat erleichtert und die andere Menschen zu der Entscheidung bewegen soll, sich den Tätern anzuschließen.

Gäbe es den Islam nicht, man würde sich diese Rechtfertigung mit anderen Werkzeugkästen zusammenbauen. Die IS-Leute wären dann vielleicht Maoisten – „Kampf gegen die postkoloniale Ausbeutung der Massen durch das Kapital und seine despotischen Statthalter!“. Oder  fanatische Atheisten – „Kampf gegen die Ausbreitung der schiitischen Theokratie!“ Oder militante Demokraten („Nieder mit den Tyrannen!“), Nationalisten („Gerechtigkeit für die arabische Nation!“), oder was auch immer kämpferisch und revolutionär klingt.

All das öffentliche Einprügeln auf „den Islam“ ist deshalb eine Verschwendung von Aufmerksamkeit und Energie. Die „Islam“-Debatte lenkt von den wahren Ursachen für den Unfrieden im Nahen Osten und im Maghreb ab.

  • Sie lenkt davon ab, dass die Wirtschaftsentwicklung der Region mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt gehalten hat.

  • Sie lenkt davon ab, dass die Reichtümer der Region sehr ungleich verteilt sind und von den kleptokratischen Regimen, die sie sich angeeignet haben, mit Klauen und Zähnen verteidigt oder im Ausland verschleudert werden.

  • Sie lenkt davon ab, dass viele Staaten der Region miserabel regiert werden und dass der Aufstieg fähiger Köpfe in die Führungsbereiche der Gesellschaften kaum möglich ist.

  • Sie lenkt davon ab, dass Stammes- und Clan-Strukturen die Herausbildung eines demokratischen Selbstbewusstseins verhindern.

  • Sie lenkt davon ab, dass die innere Zerissenheit der Gesellschaften und die autoritären politischen Ordnungen eine freie Diskussion über Werte erschweren.

  • Sie lenkt davon ab, dass Konflikte um die Verteilung von Land und Wasser immer wieder in Krieg umzuschlagen drohen.


Solange diese und weitere Probleme nicht im Griff sind, wird es immer wieder Menschen geben, die auf der Suche nach Orientierung aus dem islamischen Ideen-Pool gezielt die politisch revolutionären und aggressiven Vorstellungen herausfischen. Das ist völlig normal. Wären diese Probleme gelöst, würde niemand mehr nach dem Dschihad rufen und der Islam erschiene uns so gewaltfern wie deutsche Bischofskonferenzen.

Friedlich oder kriegerisch aber ist nicht „der Islam“ –  die Menschen sind's.



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