Delacroix: Die Freiheit führt das Volk

Das Drama in der Ukraine zeitigt im deutschen Internet seltsame Reaktionen. In den Kommentarspalten der großen Internetmedien dreschen Foristen auf die ukrainische Opposition ein, dass es nur so eine Art hat: „Faschisten“, „Extremisten“, „Banden“ „Polizistenmörder“, „gesteuert von den Amerikanern“, „gesteuert von der EU“, erschossene Demonstranten sind „selbst schuld“. Die EU zieht teils wütende Kritik auf sich: „imperialistische Macht“, „größenwahnsinnige Traumtänzer“, „Völkergefängnis“, „kalte Krieger“. Während die russische Politik mit Wohlwollen rechnen kann: „Russland will nur seine Interessen verteidigen“, „es ist klar, dass Russland sich das nicht gefallen lassen kann“, „Russland zeigt's den Amerikanern“ (?!). Über allem steht der Unmut über „unsere Medien“: „einseitig“, „heuchlerisch“, „nicht objektiv“, „tendenziös“, „wollen uns dumm halten“.

Nun ist nicht anzunehmen, dass diese Meinungen repräsentativ für die deutsche Bevölkerung sind. Denn die eifrigen Kommentatoren bei Spiegel Online oder FAZ.net sind ein eher spezieller Menschenschlag: Sie haben überdurchschnittlich viel Zeit, verbringen dieselbe eher vor dem Rechner als mit anderen Menschen, sind sehr von sich selbst überzeugt und lassen sich durch Medientexte zu öffentlichen Gegendarstellungen provozieren. Vor allem aber reagieren Leser bevorzugt dann, wenn sie mit dem Tenor eines Textes nicht einverstanden sind. Wer hingegen die Meinung des Autors teilt, meldet sich bei den Kommentaren eher nicht zu Wort, da er seine Ansichten schon vertreten sieht.

Dennoch vermuten wir, dass die Revolutionskritiker durchaus eine bedeutende Minderheit des Publikums repräsentieren. Und diese Minderheit meldet sich nicht nur in der jetzigen Krise um die Ukraine zu Wort. Es gibt einige Themen, die auf einen beträchtlichen Teil des Publikums wie ein rotes Tuch wirken. Wann immer es um eines der folgenden geht, senken viele Deutsche die Hörner und scharren mit den Hufen:


„Die Amerikaner“

„Die NATO“

„Der Westen“

„Die EU“

„Die deutschen Medien“

„Die deutschen Politiker“

„Deutsche Militäreinsätze“

„Deutsche Finanzhilfen fürs Ausland“

„Ausländer in Deutschland“

„Der Islam“

„Die katholische Kirche“



Wer dagegen eine dieser Institutionen, Akteure oder Politiken kritisiert, kann immer wohlwollender Aufmerksamkeit gewiss sein. Wer gleich mehrere dieser Begriffe in einem Beitrag in die Pfanne haut, darf mit rhetorischem Schulterklopfen rechnen. Wer es schaffte, sie alle in einen Topf zu werfen und kritisch durchzupürieren, würde auf den Schultern des Publikums durchs Brandenburger Tor getragen. Die Argumente dürfen dabei so dünn sein, wie sie wollen – der gute Wille zählt.

Warum ist das so?

Betrachtet man die Liste der roten Tücher, so fällt auf: Oft geht es um Autoritäten, an denen man sich abarbeitet. „Die Amerikaner“ als alte Protektoratsmacht und selbsternannter Weltpolizist; „die NATO“ als die Organisation, an die Deutschland lange seine sicherheitspolitische Souveränität delegiert hatte; „der Westen“ als der Horizont, auf den die deutsche Kultur sich vermeintlich auszurichten hatte; EU; politische Eliten; Medieneliten; das Hierarchiegebäude der katholischen Kirche – in jedem Fall richtet sich die Kritik gegen Institutionen, die vermeintlich oder tatsächlich die gefühlte Souveränität des Einzelbürgers einschränken, sein Handeln oder sein Meinen bestimmen wollen.

Auch andere rote Tücher stehen mit dieser gefühlten Freiheitsbeschränkung in Verbindung:
„Deutsche Militäreinsätze“ werden den Bürgern von „den Amerikanern“, „der NATO“, „der deutschen Politik“ und „den deutschen Medien“ vermeintlich aufgezwungen.
„Deutsche Finanzhilfen ans Ausland“ desgleichen; nur kommt hier „die EU“ als Zwingherr noch dazu.
Auch Toleranz oder Verständnis gegenüber „Ausländern in Deutschland“ und „dem Islam“ erscheinen manchen Deutschen als aufgezwungen. Von irgendwelchen dunklen Mächten, die „aus unserer Vergangenheit Kapital schlagen wollen“.

Wir wollen das alles hier nicht lächerlich oder verächtlich machen, denn hier kommt auf  verquere Weise etwas zum Ausdruck, das in Deutschland früher oft vermisst wurde: ein Bedürfnis nach Freiheit.

Lange, sehr lange, durch die Jahrhunderte bis 1918 und von 1933 bis 1990 haben die Deutschen keine volle politische Freiheit gekannt, weder innen- noch außenpolitisch; und seine Meinungsfreiheit zu nutzen, war im ideologiegeplagten Deutschland noch nie eine harmlose Sache.

Haben wir einen Nachholbedarf an Freiheit? Unbedingt. Uns fehlt die Erfahrung der breiten, freien, unideologischen Debatte über unser Verhältnis zur Welt um uns herum. Und das Bewusstsein der doppelten Souveränität: der Souveränität der Staatsbürger, die sich den Staat, der nominell der ihre ist, auch tatsächlich zu eigen machen müssen. Der Souveränität der Nation, die über ihren Weg in der zusammenwuchernden Welt selbst entscheiden kann. Diese Souveränität haben wir tatsächlich – allen Zwängen der Globalisierung zum Trotz. Souveränität ist eine Frage des Willens.

Das aber zeigen uns gerade die oppositionellen Ukrainer, die sich weigern, ihre Zukunft von korrupten Bürokraten oder von einem ausländischen Potentaten bestimmen zu lassen. Es ist ein Aberwitz, dass viele, die auf Deutschlands Souveränität gegenüber USA, NATO und EU pochen, bei den Geschehnissen in der Ukraine instinktiv der Regierung Janukowitsch die Daumen drückten – den Kräften also, die die Souveränität ihres Landes an den Meistbietenden verschachern möchten.

Würden Deutsche Janukowitsch wählen? Niemals; sie würden wutbürgerlich gegen einen solchen Staatschef protestieren. Wenn aber Ukrainer das tun und ihren Präsidenten zum Teufel jagen, dann passt das vielen Deutschen nicht – weil diese Ukrainer die EU und den Westen mögen; weil die böse EU, die böse deutsche Politik und die bösen deutschen Medien für sie Partei ergreifen. Und dann müssen ja wohl Janukowitsch und Putin die Guten sein, oder?

Die deutsche Freiheitsliebe kommt zuweilen arg kindisch daher.


Bild
Eugène Delacroix: La liberté guidant le peuple. 1830.


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