Die heiligen Schriften der Menschheit ermangeln bekanntlich nicht aktueller Bezüge. Im Koran (ausgerechnet!)  finden wir folgende Stelle, die man als Rechtfertigung der Nation lesen kann:

„Wir haben jedem Volk ein Gesetz gegeben und einen Weg gezeigt, auf dem es streben kann. Wenn es Gott gefallen hätte, er hätt’ ein Volk aus euch gemacht. Allein, dass er euch prüfe, hat Er jedem das Seine mitgegeben, auf dass ihr wetteifert im Guten. Zu Gott geht euer aller Weg, da wird euch hell werden, worüber uneins euer Tun und Lassen war.“
(5. Sure) (siehe Anmerkung unten)

Nun, was Gott gefällt und was nicht, können wir hier ruhig dahingestellt sein lassen. Allein hinter der religiösen Denkfigur verbirgt sich ein auch säkulares Argument.

Das Wort verweist auf die kulturelle Eigendynamik, die jeder ethnisch oder national abgegrenzten sozialen Gruppe („Volk“) innewohnt. Die Eigendynamik ist vorhanden, solange diese Abgrenzung besteht. Sie führt dazu, dass sich in jedem „Volk“ kulturelle Eigenarten entwickeln, die dieses von anderen Völkern unterscheiden („das Seine“).

Diese kulturellen Eigenarten beeinflussen als Rahmenbedingungen das Handeln der Menschen. Beim Versuch, eine gute und gerechte Lebensordnung („das Gute“) zu schaffen, gehen die Angehörigen unterschiedlicher Völker daher von unterschiedlichen Voraussetzungen aus und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Dabei entsteht ein schöpferischer Wettbewerb zwischen den Völkern um die beste Lösung, um die beste Verfassung des Gemeinschaftslebens – sie „wetteifern im Guten“.

Gäbe es nur ein Einheitsvolk, entfiele dieser Wettbewerb. Die Vielfalt der kulturellen Voraussetzungen wäre ja nicht gegeben, und damit auch nicht die Vielfalt der Lösungsversuche. So aber befeuert der Erfolg der einen Nation immer den Ehrgeiz der Menschen in anderen Nationen, Gleichrangiges oder noch Besseres zu schaffen. Dabei entstehen viel mehr Ideen als in unserem gedachten Einheitsvolk. Der Wetteifer der Nationen um das Gute ist eine Art Kreativitätsworkshop in großem Maßstab.

Dass dieser Wettbewerb auch seine dunklen Seiten haben kann, entwertet das Argument nicht. Schließlich ist das Gegenmodell – die alles gleich machende postnationale Großgesellschaft – gegen ethische Verirrungen genauso wenig gefeit. Mit der Sowjetunion und Jugoslawien sind erst jüngst in Europa zwei solcher postnationaler Gebilde zerbrochen – im Kern weil die Menschen ihnen nicht mehr zutrauten, „das Gute“ zu wollen.

Die Europäische Union versucht in ihren besten Momenten das Beste beider Welten zu vereinen: den „Wetteifer der Völker“ zuzulassen, ihn aber mit einem übernationalen Orientierungsrahmen zu befrieden.

In ihren schlechtesten Momenten dagegen vereint sie das Schlechteste beider Welten: die rücksichtslosen Ellenbogen einer Supernation nach außen und eine postnationale, freiheitsfeindliche Gleichmacherei nach innen.


Anmerkung:
Zitiert nach der Auswahl von Wolfgang Kraus: Mohammed. Die Stimme des Propheten. Aus dem Koran. Zürich 1996.
Max Henning übersetzt statt „Volk“ „Gemeinde“.

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