Franz LisztGestern vor 200 Jahren, am 22. Oktober 1811, wurde Franz Liszt geboren, einer der ganz großen Komponisten und Virtuosen des 19. Jahrhunderts. Er verkörperte in gewissem, extremem Sinne ein Ideal von Europäertum, das in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts untergegangen zu sein schien, heute aber wieder zeitgemäß wirkt.

Als Sohn deutschsprachiger Eltern in einem Teil Ungarns geboren, der heute zu Österreich gehört, ließ er sich nach ersten Konzertreisen in Paris nieder, der großen kulturellen Metropole des Kontinents, und wurde Teil eines internationalen Künstler- und Intellektuellenmilieus. Einige Jahre lebte er in der Schweiz und Italien, bereiste auf seinen Konzerttourneen dann jahrelang Europa die Kreuz und die Quere, bevor er Deutschland  zu seinem Lebensmittelpunkt bestimmte. Einige Jahre pendelte er regelmäßig zwischen Weimar, Rom und Budapest.

Außer seiner Muttersprache Deutsch sprach er perfekt Französisch und Italienisch; er fühlte sich als Ungar, fand aber nichts dabei, für das Haupt einer „Neudeutschen Schule“ der Musik gehalten zu werden. Seine erste Lebenspartnerin war Französin, die zweite Polin; die Kinder wuchsen in Frankreich und Deutschland auf.

Das alles in einer Epoche, da die Grenzen in Europa noch nicht für jedermann durchlässig waren; es gab weder Niederlassungsfreiheit noch einen gemeinsamen Wirtschaftsraum mit Steuer- und Sozialversicherungsabkommen, dafür aber Kriege und Nationalitätenkonflikte. Einmal verursachte Liszt unversehens einen Skandal, als er in Paris deutsche Rheinlieder aufführte – zu einer Zeit, als Frankreich das Rheinland gerne annektiert hätte.

Tatsächlich war ein derart ausgeprägt kosmopolitischer Lebensstil damals nur sehr wenigen Menschen möglich, wahrscheinlich fanden ihn auch nur wenige erstrebenswert. Auch uns heute will Liszts Überall-und-nirgends-Europäertum recht anstrengend erscheinen.

Durchaus nicht unüblich aber war die geistige Haltung, das Bewusstsein, das auch dem Extremkosmopolitismus eines Liszt zugrunde lag.

 

Die Gebildeten des 19. Jahrhunderts wussten, dass sie nicht nur Ungarn, Deutsche, Franzosen, Italiener, sondern auch und vielleicht vor allem Europäer waren, oder vielmehr Bewohner der zivilisierten Welt, die mit Europa gleichzusetzen man gewohnt war. Das schloss nun aber die Identifikation mit der eigenen Nation keinesfalls aus. Franz Liszt etwa kehrte oft demonstrativ den Ungarn heraus; ein Bekenntnis, das von Koketterie nicht frei war, wusste er doch, dass sein internationales Publikum, weit davon entfernt, ihm ein nationales Bekenntnis übelzunehmen, nationalkulturelle Eigentümlichkeiten im Gegenteil sogar schätzte.

So lässt sich vielerorts im 19. Jahrhundert bei den gebildeten Schichten ein harmonisches Nebeneinander von europäischen und nationalen Orientierungen beobachten. Man bekannte sich einerseits zu seiner Herkunftskultur und fand die Herkunftskulturen anderer Menschen interessant. Andererseits fühlte man sich als Teil der „Zivilisation“, der Welt des Fortschritts, die man mit Gesamteuropa gleichsetzte.

Im Rückblick erkennen wir, dass diese Harmonie gefährdet war. Die letzten Jahre des 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigten, dass die nationalen Orientierungen politisch instrumentalisierbar waren, die europäischen Orientierungen dagegen nicht.  Das hat mancherlei Gründe. Vielleicht der wichtigste ist darin zu sehen, dass die materiellen Lebensinteressen der Menschen fast ausschließlich auf nationaler Ebene organisiert wurden, nämlich im Rahmen des national definierten Staats. Konflikte zwischen nationaler und europäischer Identifikation konnten daher als Konflikte zwischen handfesten Interessen und luftigen Idealen gesehen werden. Und hier kam zuerst das Fressen, dann die Moral.

Das sehen heute im zweiten Jahr der europäischen Schuldenkrise viele Europäer immer noch so. Dabei wird übersehen, in welch hohem Maße die materiellen Interessen der Menschen heute bereits auf europäischer Ebene organisiert werden, so dass die Aufkündigung gesamteuropäischer Verbindlichkeit zugunsten vermeintlich nationaler Interessen vermutlich nur von einem Desaster ins nächste führen würde. Aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zu Franz Liszt. Sein Werk greift vielfältige musikalische Überlieferungen aus dem gesamten Kernraum der klassischen europäischen Musiktradition auf. National-Ungarisches findet sich auch, wird aber in eine übernationale Musiksprache eingebracht. Hier ließe sich die komplizierte Wechselwirkung zwischen nationalen kulturellen Errungenschaften und übernationalen Austauschphänomenen trefflich studieren und diskutieren.

Sicher ist nur, dass beides parallel stattfindet. Es gibt eine eigentümliche kulturelle Dynamik sowohl innerhalb der nationalen Sprach- und Kommunikationsräume als auch in einem übernationalen Milieu. Das gilt für alle Teilbereiche der Kultur –  für die musikalische, aber auch etwa für die wirtschaftliche und politische Kultur. Halten die übernationalen Austausch- und Ausgleichsbewegungen mit der kulturellen Dynamik der nationalen Milieus Schritt, kann sich ein europäisches Bewusstsein entwickeln und erhalten. Diese Spannung ist schicksalhaft für Europa.

Statt weiterer Worte:
Franz Liszt: Ungarische Rhapsodie Nr. 2, veröffentlicht 1851, gespielt von Alfred Brendel


 

1 Kommentar

Linear

  • migrulo  
    Für viele in der jungen Generation ist heute ein Leben wie das von List wieder denkbar. Es ist ja seltsam zu sehen, dass einerseits die Leute so international orientiert sind, andererseits aber in Europa so wenig Solidarität z.B. mit den Griechen da ist. Wir sind da irgendwie gespalten. Wir sind einerseits Europäer, trauen der Sache andererseits aber doch nicht.

    Aber vielleicht ist es auch wirklich wie im Text beschrieben. Europäisch sind die Leute nur so lange es nicht um ihr Geld geht. Was auch irgendwie typisch für den Kontinent ist,der den Materialismus der Konsumgesellschaft erfunden hat...

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