Die Mörder von Paris haben versagt. Zwar töteten sie am 7. und 8. Januar siebzehn Menschen, und das ist schlimm. Aber die Gesellschaft Frankreichs, die sie erschüttern wollten, steht heute fester gegründet als vor dem Anschlag, gegründet in den Werten der Republik, für die am 11. Januar in Paris anderthalb Millionen Menschen auf die Straße gingen.

Sie haben versagt, weil sie ihre Ziele nicht erreicht haben. Denn dies ist die Strategie des Terrors –  soweit selbsternannte Märtyrer denn überhaupt zu einer logisch geregelten Verstandestätigkeit in der Lage sind: Der Terrorist will, erstens, durch sein Vorbild Gleichgestörte dazu ermutigen, ebenfalls über ihre Mitmenschen herzufallen. Zweitens will er diejenigen, die er zum Feind erklärt hat, die „Ungläubigen“ und ihren Staat, zu überzogenen Gegenmaßnahmen provozieren. Die „Feinde“ sollen dazu gebracht werden, die Bevölkerungsgruppe, mit der der Terrorist sich identifiziert, zu bedrängen und zu unterdrücken. Dann werden, so das Kalkül, die frisch Unterdrückten erkennen: „Der Terrorist, der verlorene Sohn, hatte Recht, wir werden hier tatsächlich unterdrückt.“ Und dann sollen auch sie dem Vorbild des früh Erleuchteten folgen und in den Kampf gegen die „Ungläubigen“ ziehen.

Mit anderen Worten: Der Terrorist träumt immer vom Bürgerkrieg. Er will Zwietracht säen, Menschen zu Massakern aufhetzen, die Mutter aller Schlachten herbeiführen, in der er sich selbst als den strahlenden Helden auf dem weißen Pferd bewundert sehen möchte.

Aber diese Schlacht wird nicht stattfinden. Nicht in Frankreich, nicht in Europa. Denn die Bürger lassen es nicht zu.

Wenn Zwietracht das erste Etappenziel des Terroristen ist, dann ist wirksames Gegenmittel alles, was den Zusammenhalt der Gesellschaft, die Gemeinschaft der Bürger stärkt. Zum Beispiel die einhellige Verurteilung des Terroranschlags im medialen Gespräch, ohne dass nach Entschuldigungen für die Täter gesucht wird. Zum Beispiel millionenstarke Massendemonstrationen.  Die Impulse zu diesen und anderen gesellschaftlichen Gegenbewegungen zum Terror müssen aus der Bürgergesellschaft selbst kommen. Wenn sie politisch verordnet werden müssen, bewirken sie nichts, weil sie dann nicht glaubhaft beanspruchen können, den Willen der überwältigenden Bürgermehrheit zu repräsentieren. Es ist also die Bürgerschaft selbst, die sich zum Widerstand gegen den Terrorismus formieren muss. Und dies geschieht in einem Maße, das alle überrascht.

Man kann auch sagen: Die Bürger besinnen sich auf das, was Bürger-Sein eigentlich ausmacht:


Das Wort „Bürger“ kommt von „Burg“, und mit „Burg“ bezeichnete man ursprünglich eine gemeinschaftlich errichtete Verteidigungsanlage, in die die Menschen der Umgebung sich im Falle eines Angriffs zurückzogen, um sich gemeinsam wehren zu können. „Bürger“ sind also die, die sich gemeinsam verteidigen wollen. Der Wille zur Gemeinsamkeit macht die Bürgerschaft. Und der schließt die Entschlossenheit mit ein, sich nicht von Angreifern gegeneinander ausspielen zu lassen. Wenn die Menschen einer Gesellschaft sich in ihrer großen Mehrheit als „Bürger“ wahrnehmen, haben Terroristen keine Chance.

Es ist der Bürgersinn, der eine Gesellschaft dazu befähigt, die Bedrohung durch Terrorismus abzuwehren. Polizei und Geheimdienste haben die Aufgabe, die Zahl der Opfer möglichst klein zu halten – und dies ist eine wichtige Aufgabe. Aber sie könnten den Absturz der Gesellschaft in den von den Terroristen herbeigesehnten Krieg – der Kulturen, der Religionen, der Klassen, wessen auch immer – nicht verhindern. Dazu bedarf es des Bürgersinns – der Entschlossenheit, zusammenzustehen und sich nicht auseinanderdividieren zu lassen.

Bürgersinn aber wird einer Gesellschaft nicht geschenkt – er will geschaffen und gepflegt werden. Menschen müssen wissen, warum sie sich gemeinsam eine Burg gegen die Fährnisse des Lebens bauen sollen, und warum sie sich ausgerechnet mit diesen anderen Menschen hinter die Mauern einer gemeinsamen Burg zurückziehen sollen.

Ist die erste Frage noch recht leicht zu beantworten – in der Gemeinschaft lassen sich Gefahren leichter bestehen als alleine, obwohl auch das nicht allen FDP-Wählern klar zu sein pflegt – so gerät man bei der zweiten Frage eher in Verlegenheit. Warum soll ich gerade diese Menschen als meine Mitbürger betrachten, warum mich gerade für diese im Notfall in die Bresche werfen? Die überzeugendste Antwort lautet: Weil wir sehr ähnliche Werte und sehr ähnliche Interessen haben, und weil sie aus diesem Grund das gleiche auch für mich täten. So wie ich sie als Mitbürger anerkenne, erkennen sie auch mich an. Das ergibt sich aus unseren Werten und unseren Interessen.

Bürgersinn hat also etwas mit Ähnlichkeit und mit wechselseitiger Anerkennung zu tun. Anders gesagt: Bürgersinn bedingt eine Selbstwahrnehmung der Bürger als Gleiche.

Und jetzt stoßen wir auf den wunden Punkt unserer europäischen Gesellschaften der Gegenwart. Sind wir denn wirklich so ähnlich? Können wir einander wirklich als gleich akzeptieren – gleich berechtigt, gleich würdig, mit gleichem Anspruch auf Respekt? Alteingesessene und Einwanderer, Christen und Muslime, Atheisten und Religiöse, Reiche und Arme, Etablierte und Abgestürzte? Sind die Bruchlinien, entlang derer sich die Gesellschaft auseinandersprengen lässt, nicht offensichtlich? Bislang bricht wenig, aber wir sollten uns daran gewöhnen, einen Mangel an gesellschaftlicher Gleichheit als Sicherheitsrisiko zu betrachten.

Gleichheit – égalité – ist derjenige der klassischen republikanischen Werte, der in einer Zeit, die das Individuum vergöttert, die schlechteste Presse hat.  Aber ohne eine bestimmte Form von Gleichheit kann eine Bürgergesellschaft, kann eine Republik nicht bestehen. Um sich als Bürger fühlen zu können, müssen Menschen vor den Gesetzen gleich sein – und zwar nicht nur vor den geschriebenen Gesetzen, sondern auch vor den ungeschriebenen. Die Gleichheit vor dem geschriebenen Gesetz haben wir weitgehend erreicht; die Gleichheit vor den ungeschriebenen Gesetzen muss immer wieder erkämpft werden.

Die ungeschriebenen Gesetze, das sind allgemeine Werte und Normen, denen eine Gesellschaft sich verpflichtet sieht, deren Umsetzung im Alltag aber oft fehlschlägt. Ein solches ungeschriebenes Gesetz ist etwa die Aussage „Leistung muss sich lohnen“. Dieses Gesetz gilt nicht für alle in gleichem Maße: Wenn unfähige Bankmanager Millionenboni einstreichen dürfen, und mäßig begabte Oberschichtskinder qua Geburt auf lukrative Karrierewege gehievt werden, während tüchtige Normalarbeitnehmer ohne ihren Dispokredit nicht über die Runden kommen, und talentierte Einwandererkinder in Niedriglohnberufe gelotst werden, dann lohnt sich Leistung offenbar nicht für jeden. Es gibt sichtlich Ungleichheiten bei der öffentlichen Anerkennung der Leistung von Menschen, und damit letztlich Ungleichheiten hinsichtlich des Respekts, der Menschen zuteil wird. Denn wenn eine Gesellschaft verkündet, Leistung (oder Anstand oder soziales Engagement …) werde belohnt, viele Menschen aber die Erfahrung machen, dass gerade Ihnen diese Belohnung verweigert wird, dann fühlen sie sich als Person missachtet, für dumm verkauft, gedemütigt – anscheinend hält ja die Mehrheitsgesellschaft oder halten „die da oben“ sie für nicht gleichwertig. Das betrifft keineswegs nur Einwanderer oder Muslime – auch in Teilen des alteingesessenen Bürgertums gibt es ein heftiges Ressentiment gegen selbsternannte Eliten in Wirtschaft, Politik und Medien; ein Ressentiment, das sich aus dem Eindruck speist, nicht ernst genommen, nicht für gleichwertig gehalten zu werden.

PEGIDA und andere Formen des Wutbürgertums sind Symptome dieses Leidens an der Ungleichheit. Die Wut der PEGIDAner und die Wut der Salafisten entspringt der gleichen Quelle: dem dunklen Gefühl, von „den Anderen“ („den Politikern“, „der Lügenpresse“ – „den Deutschen“, „den Ungläubigen“) nicht als gleichwertig geachtet zu werden.

Was hat das alles mit Terrorismus zu tun? Der Terrorist betreibt die Spaltung der Gesellschaft. Je mehr Ungleichheit es in einer Gesellschaft gibt, desto leichter ist sie zu spalten.

Umgekehrt gilt: Wenn Menschen das Gefühl haben, dass es in ihrer Gesellschaft gerecht zugeht und sie als gleichberechtigte Teile dieser Gesellschaft von den Anderen anerkannt werden, dann fühlen sie sich als Bürger – dann werden sie diese Gesellschaft und ihre Mitmenschen nicht nur nicht angreifen, dann werden sie sie sogar verteidigen.

Gleichheit schafft Bürger, und Bürger stehen füreinander ein.

Ungleichheit schafft Wut, und Wut legt Feuer.


Bild: "Liberté, Égalité, Fraternité Ou La Mort". Revolutionäre Devise auf einem französischen Armeedokument vom 17. April 1794. 
By Passepresent (http://www.lepassepresent.com) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons



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