Russlands Haltung zu den revolutionären Ereignissen in der arabischen Welt ist zwiespältig. Zwar verdammt man pflichtschuldig den Einsatz von brutaler Gewalt gegen die eigene Bevölkerung, andererseits liest man vielfach die Sorge vor einer vielleicht drohenden Machtergreifung islamischer Fundamentalisten.

Tatsächlich hat Russland ja seine ganz eigenen Gründe, einen militanten Islam zu fürchten. In zwei Kriegen nutzten tschetschenische Unabhängigkeitskämpfer islamistische Konzepte und Parolen, um die Bevölkerung gegen die Moskauer Regierung zu mobilisieren.

Und anscheinend wendet man in Russland nun auch ganz eigene Methoden an, um dem politischen Islam das Wasser abzugraben: Behörden der russischen Problemrepublik Tschetschenien versuchen seit einiger Zeit, auf den Straßen von Grosny islamische Bekleidungsvorschriften durchzusetzen, wie Human Rights Watch berichtet.

 
Frauen, die kein Kopftuch tragen oder aber nach Ansicht der Sittenwächter zuviel Haut zeigen, werden in der Öffentlichkeit schikaniert und bedroht. Für weibliche Beschäftigte im öffentlichen Dienst wurde Kopftuchzwang eingeführt. Auch in Schulen und Universitäten, in Kinos und Veranstaltungszentren ist das Kopftuch Pflicht.

Hintergrund ist eine sogenannte „Wertekampagne“, die Moskaus Statthalter in Tschetschenien, Präsident Ramzan Kadyrow, vor einigen Jahren ausgerufen hat.  Kadyrow selbst fordert öffentlich die Unterwerfung der Frau unter den Willen des Mannes. Die Föderationsregierung in Moskau lässt ihn gewähren.

Anscheinend glaubt Kadyrow, sein Regime durch ein demonstratives Bekenntnis zu einigen ausgesuchten islamistischen Werten ideologisch aufwerten zu können. Nach dem Vorbild genau der Potentaten, die gerade in der arabischen Welt unter Druck geraten sind.

Frage an die russische Regierung: Steht es einer abendländischen Macht wohl an, wenn ihre Behörden aus welchen taktischen Gründen auch immer politische Prinzipien fördern, die dem säkularen, abendländischen Staat die Wertebasis entziehen?

Sollte man nicht vielmehr gerade die säkularen Kräfte auch in traditionell islamischen Regionen stärken? Die politischen Entwicklungen von Casablanca bis Teheran legen nahe, dass jene stärker sind, als man nördlich des Mittel- und nördlich des Schwarzen Meers je geglaubt hätte.

Oder anders gefragt: Scheint es angesichts der Ereignisse in der arabischen Welt noch klug, sich im eigenen Land kleine Gaddafis zu halten?

 

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