In diesen Tagen jährt es sich zum fünfzigsten Mal, dass die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich im Élysée-Vertrag ihr politisches Bündnis besiegelten. Gleichzeitig stellt sich im Mali-Krieg die Frage nach den Solidaritätsverpflichtungen, die Deutschland aus diesem Bund erwachsen. Beides ist Anlass genug für uns, einmal grundsätzlich nach Ursprung, Sinn und Zweck der deutsch-französischen Allianz zu fragen.


Teil 1: Der Ursprung – eine lange Vorgeschichte

Zwischen den mittelalterlichen Monarchien Deutschland und Frankreich gab es kaum Konflikte.  Erst das Ausgreifen der Habsburger nach Spanien Anfang des 16. Jahrhunderts lenkte das besorgte Interesse der französischen Eliten auf Deutschland. Diese Rivalität war zunächst nur eine dynastische zwischen Habsburgern und Bourbonen. Sie führte zu einer langen Reihe von Kriegen bis zum Spanischen Erbfolgekrieg, in denen Frankreich meist den aggressiven Part spielte. Logisch: Habsburg-Deutschland war ja mit dem Status quo der Habsburger Dominanz zufrieden; es war das bourbonische Frankreich, das diese politische Situation ändern wollte – auch mit Gewalt.

Mit den militärischen Erfolgen des 17. Jahrhunderts erkannten die französischen Eliten über die Beschränkung der Habsburger Macht hinaus die Chance, die eigene Machtbasis zu erweitern, indem sie die Westgebiete des Heiligen Römischen Reichs als Annexionsobjekte ins Visier nahmen. Dies wurde möglich und verlockend, da das Reich durch die Religionskonflikte und den Dreißigjährigen Krieg geschwächt war. So wurde eine neue Dynamik ausgelöst, in deren Rahmen Frankreich wieder der Aggressor war.

Von einer „deutsch-französischen Feindschaft“ kann jedoch hier kaum gesprochen werden:


Die wirtschaftliche, politische, militärische und kulturelle Entfaltung Frankreichs seit der Zeit Ludwigs XIV. faszinierte Adel und Bürgertum in Deutschland. Vielfach ahmte man französische Kultur und Lebensart nach. Solange der Konflikt vorwiegend als dynastischer Konflikt wahrgenommen wurde, gab es keine dauernde antifranzösische Stimmung. Das Frankreichbild vor allem der Eliten war positiv.

In dem Maße wie sich der Konflikt mehr und mehr als Kampf gegen französischen Imperialismus darstellte, verschlechterte sich dann allerdings auch die Stimmung. Die Verwüstung Westdeutschlands durch französische Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1688-1697 steht am Anfang einer aufkeimenden Franzosenfeindschaft in Deutschland. Da der französische politische und kulturelle Einfluss aber real blieb – die Blüte der Aufklärung in Frankreich verschaffte hier sogar einen zusätzlichen Schub – , arbeiteten sich Teile der deutschen Öffentlichkeit im 18. und frühen 19. Jahrhundert psychologisch und publizistisch an der französischen Kultur ab. Prominente Intellektuelle wie Lessing schämten sich für die „Französelei“ ihrer Landsleute, die sie als rückgratlos empfanden.

Von französischer Seite war die Beziehung weniger kompliziert: Von einer militärisch-politischen Bedrohung wandelte sich Deutschland nach und nach in ein ungefährliches machtpolitisches Vorfeld und in ein Exportgebiet für französische Kultur. Es wurde harmlos und war auch kulturell oder wirtschaftlich nicht dynamisch genug, um Interesse zu wecken. Erst die französische Romantik vermeinte in Deutschland eine heilere Welt zu entdecken, zumal das Land dank des nun auch hier einsetzenden kulturellen Aufschwungs für die gebildeten Schichten Frankreichs spannender wurde. Da es dabei harmlos  und dem französischen Staat politisch unterlegen blieb, eignete es sich als Projektionsfläche für idyllische, eskapistische Phantasien. Das fromme Land der Dichter und Denker wurde französischen Zivilisationskritikern zum Ideal. 

Die Französische Revolution schlug die Deutschen kulturell wieder einmal in den Bann Frankreichs. Aber der halbherzige Versuch der deutschen Fürsten, den französischen Thron zu stützen, trat eine imperialistische französische Lawine los, der alle deutschen Staaten zum Opfer fielen. In fünf Kriegen brachte das revolutionäre, später das napoleonische Frankreich zwischen 1792 und 1809 ganz Deutschland unter seine Herrschaft. Nie war Frankreich so überlegen wie jetzt, nie sein Einfluss so groß. Der französische Imperialismus rief nun doch massive antifranzösische Gefühle in Deutschland hervor, die letztlich auch nicht dadurch befriedet werden konnten, dass viele Deutsche die Errungenschaften der Französischen Revolution schätzten. Der napoleonische Imperialismus weckte den deutschen Nationalismus, der sich in den Befreiungskriegen Bahn brach.

Im weiteren 19. Jahrhundert herrschte erstmals seit langem ein politisches Gleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich. Die antifranzösischen Emotionen in Deutschland kühlten wieder ab; man begann, sich erneut für die Kultur der jeweils Anderen zu interessieren. Aber selbst ein französischer Pazifist wie Victor Hugo forderte nach wie vor die Rheingrenze, und Kaiser Napoleon III. strebte weiterhin Gebietsgewinne auf deutsche Kosten an. Die französischen Eliten konnten sich von ihren imperialistischen, annexionistischen Reflexen nicht lösen. Dies löste den Krieg von 1870 aus, der mit einer totalen französischen Niederlage endete.


Die Niederlage war für die französischen Eliten ein Schock – nie zuvor hatten die Deutschen ganz Frankreich in ihrer Gewalt gehabt. Jetzt nahm man Deutschland ernst; es war nicht mehr harmlos. Vom Hinterhof Frankreichs wandelte sich Deutschland in der Wahrnehmung der Franzosen zur echten Bedrohung. Entsprechend negativ färbte sich das Deutschlandbild ein. In Deutschland führte der Sieg zu nationalistischem Taumel und grenzenloser Selbstüberschätzung – der Minderwertigkeitskomplex schlug um in einen Überlegenheitskomplex. Erst jetzt kam es zu einer ideologischen Mystifizierung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich als einer „Erbfeindschaft“.

Die politischen Eliten beider Länder nahmen einander nun als Feinde wahr und versuchten einander politische, wirtschaftliche und militärische Vorteile abzuringen.

Ergebnis war der Erste Weltkrieg, in dem Frankreich siegte. Die unerhörten Opfer des Krieges stärkten einerseits den Erbfeindmythos – all diese Männer mussten ja für irgendetwas gestorben sein. Man brauchte die Feindschaft zur Legitimierung des eigenen Leids. Beim Friedensschluss versuchte Frankreich daher, Deutschland nach Möglichkeit zu schwächen. Trotz des Sieges hatte sich der besorgte Respekt vor Deutschlands Machtpotenzial noch verstärkt. Andererseits brachten die Opfer aber in Frankreich auch erstmals Ansätze eines neuen Verständigungswillens hervor. Dies war kein Zufall: Frankreich hatte mehr gelitten; die Franzosen konnten zudem als Sieger komplexfreier agieren. Tragischerweise trat Frankreich gerade deshalb dem nationalsozialistischen Deutschland in den dreißiger Jahren nicht so energisch entgegen, wie es nötig gewesen wäre.

In Deutschland fand diese französische Konzilianz wenig Widerhall. Hier stärkte die Niederlage das Ressentiment weiter Kreise und den Selbstbehauptungs- und Dominanzwillen der Eliten. So brach Deutschland den Zweiten Weltkrieg vom Zaun, der beide Länder traumatisierte. Beide Länder erwiesen sich als zu schwach, diesen Krieg zu gewinnen: Deutschland brach schließlich völlig zusammen, Frankreich sank auf den Status eines Hilfsvolks der angelsächsischen Mächte herab.

Nach dem Krieg war Frankreich verständlicherweise besessen von der Überzeugung, Deutschland kontrollieren zu müssen. Man versuchte dies zunächst durch Zersplitterung, Reparationen und Annexionen, begriff aber schnell, dass zuviel Zwang hier wieder kontraproduktiv wirken konnte. Frankreich war zu schwach, um Deutschland zu zwingen; den politischen Druck auf Deutschland überließ man daher Sowjets und Amerikanern, hinter denen man sich gern versteckte, während man selbst mit der Europäischen Integration einen Alternativansatz zur Kontrolle Deutschlands entwickelte.

Deutschland seinerseits sah die Gefahr, einem rachsüchtigen Frankreich ausgeliefert zu sein – nur die USA und Großbritannien hätten Deutschland in der Nachkriegszeit gegen ein dominant-aggressives Frankreich schützen können, und deren Engagement schien auf die Dauer zweifelhaft. Nichtsdestotrotz lehnte man sich auch deshalb an die USA an, um vor Frankreich sicher zu sein. Den französischen Politikwechsel hin zur europäischen Integration begriff man in Deutschland sofort als große Chance. Integration könnte Frankreichs Sicherheitsbedürfnis so zufriedenstellen, dass es auf imperialistische Politik weitgehend verzichten würde.

Und so geschah es. Frankreich gewann durch die Integration die Kontrolle über einen Nachbarn, den es mit traditionellen imperialistischen Mitteln selbst nicht mehr sicher beherrschen konnte, der umgekehrt aber zu von starken Emotionen getragenen imperialistischen Ausbrüchen fähig bleiben dürfte.

Deutschland gewann durch die Integration zunächst einmal unmittelbar Sicherheit vor einem Nachbarn mit starker imperialistischer Tradition, der zudem nach drei Kriegen, die alle auf seinem Territorium stattgefunden hatten, bis aufs Äußerste zur Verteidigung seiner Sicherheitsinteressen bereit war.

Darüber hinaus erkannten beide Seiten schnell, dass die Integration ihnen auch Zugriff auf machtpolitische Ressourcen des Anderen eröffnete, den sie gut brauchen konnten: Frankreich zur Kompensation seines weltpolitischen Bedeutungsverlustes, Westdeutschland zur Wiedergewinnung von Einfluss in West- und Osteuropa, zur Verbesserung seiner Position gegenüber der Sowjetunion und der DDR.

Psychologisch war die Integration eine enorme Erleichterung. So angstbesetzt der alte Mythos kriegerischer Erbfeindschaft zuletzt gewesen war, so begeistert wurde der neue Mythos von der deutsch-französischen Freundschaft aufgenommen.

Und dann kam die deutsche Wiedervereinigung.


Fortsetzung folgt...

Demnächst Teil 2: Sinn und Zweck der deutsch-französischen Allianz in der Welt von heute



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