„Ob wir schon an die Eindrücke von Feuersbrünsten gewöhnt waren, so konnten wir uns doch nicht enthalten, über das schreckliche, aber prächtige Schauspiel in Erstaunen zu geraten, das in der Finsternis ein mit Schnee bedeckter Wald gewährte, als er von Flammenströmen erleuchtet wurde. Alle Bäume waren in eine dicke Eisrinde gehüllt, blendeten das Auge und brachten, wie durch ein Prisma, die lebhaftesten Farben in den feinsten Schattierungen hervor. Die Äste der Birken hingen, wie jene der Trauerweiden, in Gestalt von Girandolen auf die Erde herab, und die Eiszapfen, auf die das Licht fiel, bildeten um uns her einen Regen von Diamanten, Strahlen und Funken.“ (Eugène Labaume, französischer Teilnehmer am Russlandfeldzug 1812, über das brennende Duchowtschina)

Ilarion Prjanischnikow: 1812

Ein Wintermärchen, aber eines der grausigsten Art, soll zum Jahresschluss noch ins Gedächtnis gerufen werden. Vor zweihundert Jahren, im November und Dezember 1812, stolperten Soldaten und Marketender aller deutschen Staaten dem Großen Verbündeten Napoleon hinterdrein in die Katastrophe.

Russland sollte durch Krieg in Napoleons neue Friedensordnung für Europa eingebunden werden, und alle deutschen Staaten waren Frankreich vertraglich zur Heeresfolge verpflichtet. Im Juni überschritten etwa eine halbe Million Mann mit 200.000 Pferden den Njemen; rund 150.000 deutsche Soldaten waren dabei.

Die russische Armee wich ins Landesinnere zurück und entzog sich dadurch der Vernichtung, so dass der Grande Armée wenig anderes übrig blieb, als dem Gegner nachzumarschieren – auf Moskau. Schon auf dem Hinweg gab es große Verluste durch Krankheit und Entkräftung: Der Nachschub an Lebensmitteln, Medikamenten, Ausrüstung und Munition für das gewaltige Heer funktionierte von Anfang an nicht. Nach der überaus blutigen, aber nicht entscheidenden Schlacht bei Borodino konnte die Armee im September Moskau besetzen. Der Zar jedoch kapitulierte nicht, sondern zog sich mit der Armee und einem großen Teil der Moskauer Bevölkerung weiter nach Osten zurück. In der Stadt brachen unter ungeklärten Umständen Brände aus, mehr als zwei Drittel aller Häuser wurden Raub der Flammen.

Mitte Oktober, als die Versorgungslage immer schwieriger wurde, befahl Napoleon den Rückmarsch; zuvor wurde die Stadt Moskau geplündert. Beim Rückzug brach die Armee auseinander: Auf der verzweifelten Suche nach Nahrung, Kleidung, Obdach und Brennmaterial – der Winter kam schon im November mit Schnee und Eis – verloren sich die Soldaten in immer kleineren Trupps und Trüppchen in der Weite des Landes. Dort kamen die meisten von ihnen um. Sie erfroren, verhungerten, starben an unversorgten Verwundungen und unbehandelten Krankheiten, wurden von ergrimmten Bauern erschlagen und fielen in zahllosen Gefechten und Scharmützeln mit den Kosaken der russischen Armee.
 

„In drei breiten Reihen ergoss sich diese beispiellose Masse auf und neben der Straße, links die Reiterei, rechts die Infanterie, in der Mitte Geschütz und sonstiges Fuhrwerk. Unerschöpflich an Zahl tauchten sie aus den Trümmern von Moskau hervor, und in weiter Ferne verloren sich ihre Spitzen am Horizont.“
(Oberst v.Martens, württembergische Armee, über den Auszug aus Moskau)
 

„Alle Generale und höheren Offiziere hatten sich neue Wagen und die Subalternen Droschken angeschafft, die alle mit kostbaren Dingen und Lebensmitteln beladen waren. Verheiratete Soldaten hatten Fuhrwerke jeder Art, bepackt mit allem, was früh und spät benutzt werden konnte, ihren Weibern anvertraut. Marketenderwagen waren angefüllt mit Wein, Branntwein, Zucker, Kaffee und Tee. Ebenso waren alle Packpferde beladen; kurz, der unabsehbare Zug führte Reichtümer aller erdenklichen Art mit sich, und das schöne Wetter ließ es damals zu, dieses bunte und höchst merkwürdige Schauspiel genau zu betrachten und zu bewundern.“
(v.Roos, Regimentsarzt in der württembergischen Armee, über den Aufbruch der Plünderer aus Moskau)
 

„Die hinter uns in hellen Flammen stehende Stadt, sowie alle Dörfer und Schlösser zur Seite, beleuchteten diesen Marsch in der stockfinsteren, mit fußtiefem Schnee belegten Nacht auf eine fürchterlich schöne Art.“ (Graf Preysing, bayerischer General, über das brennende Duchowtschina)
  

Ein Scherzwort ... lief damals durch die ganze Armee. Es betrifft einen sterbenden französischen General, dem ein Soldat die Stiefel ausziehen will. „Aber ich bin ja noch nicht tot“, sagt der hohe Vorgesetzte. „Werde warten, Herr General“, lautete die naive Antwort des tapferen Grenadiers. Bei Smolensk sah Oberst Griois einen bayerischen Chevauleger [Angehörigen der leichten Kavallerie], der leider nicht „wartete“, sondern einen schwerverwundeten Kameraden seiner Fußbekleidung beraubte, trotz des schmerzlichen „Mein Gott! Mein Gott!“ das der Halbtote mit bittender Stimme ausstieß. General Preysing [schreibt] über die am Wege entkräftet Zurückbleibenden: „An Hilfe war nicht zu denken, da ein jeder nur bedacht war, ähnliches Schicksal zu vermeiden; vielmehr wurden diese Unglücklichen, tot oder nicht, auf der Stelle von ihren eigenen Kameraden ohne alle Barmherzigkeit geplündert, um vielleicht noch ein Stück Brot oder ein Monturstück zu finden.“

  

„Am 8. November setzten wir unseren Marsch bis an das Flüsschen Wop fort, wo wir abends ankamen und am Ufer biwakierten. Ein durchdringender Wind machte unsere Glieder erstarren... Wir töteten ein Pferd zu unserer Nahrung und benutzten die Protzen der zwei (tags zuvor) zurückgelassenen Geschütze als Brennholz, da das gefrorene Fichtenholz schlechterdings nicht zu benutzen war. Meine Offiziere lagerten sich mit mir, und nach einer kleinen Mahlzeit, aus der gebratenen Leber des Pferdes bestehend, erquickte bald der Schlaf unsere Glieder. Als ich 9. November erwachte, fand ich meinen mehrjährigen treuen und anhänglichen Diener erstarrt, tot unter mir liegen. In dem Biwak meiner Mannschaft sah es gleichfalls traurig aus; mehrere Kanoniere waren erfroren, andere so erstarrt, dass sie ihre Glieder nicht rühren konnten.“
(Widnmann, Batteriechef in der bayerischen Armee)
 

„Wer in dieser Mördergrube ein Stück Brot in den Mund steckte, so dass es von andern gesehen wurde, der wurde einfach mit dem Kolben niedergeschlagen und ihm das Essen abgenommen. Ja, manchem Erschlagenen wurde der Mund geöffnet und ihm das Essbare, das er in den Zähnen hielt, noch herausgenommen und von dem Mörder verzehrt.“
(Der westfälische Sergeant Leifels über die Verpflegungslage in Smolensk)
 

„Etwa eine Stunde vor Krasnoi trafen wir abends die russischen Reiterlinien mit Artillerie auf den Anhöhen ... Wir konnten weder vor noch zurück... Unterdessen hatte sich unser Haufen von Nachzüglern, Offiziere und Soldaten aller Nationen und zum Teil in den lumpigsten Aufzügen, gegen 300 Mann vermehrt. Die Generale v. Stockmayer und v. Kerner  stellten sie in Linien auf; die meisten hatten Stecken, Ladestöcke und andere Wanderstäbe in den Händen und nahmen solche wie Gewehre auf die Schultern. Ich selbst schloss mich zu Fuß mit meinem Pferde am rechten Flügel an, um die Linie auch mit zu vergrößern. Währenddessen kam eine unserer Kanonen angefahren; sie war aber mit Tornistern und dergleichen so bepackt, dass es Zeit kostete, sie zum Schuss fertig zu machen, und als sie endlich losbrannte, war der Knall so matt und schwach, dass einer die Bemerkung machte: „Es ist aufs Äußerste mit uns gekommen, sogar das Pulver verliert die Kraft wie die Menschen und Pferde.“
(v.Roos, Regimentsarzt in der württembergischen Armee)
  

„Bei dieser Gelegenheit erwarb ich einen Pelz von grobem Soldatentuch, der wohl früher einem russischen Offizier gehört hatte und den gewiss niemand so leicht angezogen hätte, der nicht, wie ich, so jämmerlich seit zehn Stunden vor Frost zitterte, indem von meinem an Biwakfeuern verbrannten Mantel nur noch der Kragen übrig war und ich nur einen dünnen Rock auf dem Leibe hatte. Moisson, Leutnant vom 6. vor uns her marschierenden Voltigeurregiment der jungen Garde, sein Besitzer, ward durch eine Kanonenkugel in die Brust getroffen. Als ich mit meiner Kompagnie an die Stelle kam, wo er in letzter Zuckung lag, brachte ich mittels eines Trinkgeldes den Pelz an mich und zog ihn sogleich an, die zerrissenen Blutfetzen des Rückens mit dem Mantelkragen bedeckend – und so behielt ich ihn zur Erwärmung auf dem Leibe bis Wilna. Erst zu Wilna konnte ich ihn vom Blute reinigen und flicken lassen. In den Taschen fand ich einen rührenden Brief an seine Eltern in Frankreich...“
(Franz Röder, Hauptmann in der hessischen Armee)
   

(Beim Übergang über die Beresina zwängt sich die gesamte Armee unter russischem Beschuss über zwei Notbrücken. Major v. Lossberg, Stabsoffizier in der westfälischen Armee: )
 
„Einmal unter den Menschen eingeklemmt hatte man keine Wahl über den zu nehmenden Weg. Ebenso war es auch ... eine Unmöglichkeit, wieder heraus zu kommen ... Hier war auch hauptsächlich der Augenblick, wo nur die Kraft des Pferdes und fester Sitz im Sattel rettete. Die Menschen, welche sich zu beiden Seiten mit Sachen behängt oder bepackt hatten, verloren solche sämtlich; ja die Fußgänger behielten selbst keinen Knopf auf dem Rocke. Meinen Säbel erhielt ich mir nur dadurch, dass ich ihn zu meiner Selbsterhaltung zog und ihn hauptsächlich dazu benutzte, die Pferde meiner Neben- und Vordermänner damit auf den Beinen zu erhalten ... Die Schwierigkeiten mehrten sich mit der Annäherung an die Brücke, wo der Boden durch die starke Passage so schlammig geworden war, dass Menschen und Pferde, einmal ins Straucheln gekommen, sich nicht wieder zu helfen vermochten und von den folgenden überritten wurden... Nur noch zwei Schritte von der Brücke entfernt, traf ich dicht am Ufer im Wasser, wo sich das Eis aufgelöst hatte, eine Kolonne zu Pferde, von der sich einige Reiter vergebens bemühten, die Brücke durch Springen zu erreichen, was mich mit mehreren Offizieren meiner damaligen Umgebung veranlasste, die Pistolen zu ziehen und den im Wasser Haltenden drohend zu bedeuten, uns erst vorüberreiten zu lassen.“
  

„Die deutschen Soldaten von Reuß und Lippe wollten, von panischem Schrecken ergriffen, von keiner Verteidigung mehr hören. Der sie kommandierende Offizier, ein Mann voller Ehrgefühl, schoss sich aus Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf.“
(Der französische Historiker und spätere Präsident Adolphe Thiers über das letzte Gefecht deutscher Truppen auf russischem Boden. Auch die winzigen Fürstentümer Reuß und Lippe hatten ihre Soldaten nach Russland geschickt. )

 
 
Die deutschen Regierungen hatten 1812 kaum die Macht, dem Großen Verbündeten die Heeresfolge zu verweigern. Zwischen 1792 und 1809 hatten Deutschlands Monarchen, untereinander zerstritten und der eigenen Bevölkerung misstrauend,  fünf Kriege gegen Frankreich verloren – über das Schicksal Deutschlands wurde in Paris entschieden. Für viele Deutsche war Frankreich trotz Napoleons Zwangsherrschaft und Kriegssucht das Land der Revolution und der Freiheit. In Russland starben dann deutsche Republikaner neben deutschen Monarchisten. Was aus dieser schwierigen Geschichte gelernt werden kann, soll der Urteilsfähigkeit des Lesers überlassen bleiben.

 

Sämtliche Zitate stammen aus dem zum Hundertjahrgedächtnis erschienenen Buch von
Paul Holzhausen: Die Deutschen in Russland 1812. Leben und Leiden auf der Moskauer Heerfahrt. Berlin 1912.

 

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