Jetzt wird es uns zu viel. Nicht der fortdauernde Zustrom von Flüchtlingen – der gehört zu den Realitäten des Lebens, mit denen Erwachsene sich abzufinden gelernt haben, weil man sie nun mal nicht weghexen kann. Nein; zu viel wird uns die Hysterie bei der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um das Flüchtlingsthema. Nachdem eine Kölner Politikerin niedergestochen wurde, werden die Todesdrohungen glaubhaft, die einige geistig verwirrte oder sittlich verwahrloste PEGIDA-Sachsen neulich gegen missliebige Politiker auf ihre Plakate schmierten. Und allmählich fühlt man sich an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erinnert. Auch damals glaubten frustrierte selbsternannte Patrioten überall „Volksverräter“ zu entdecken; sie ermordeten dann Politiker, die andere Leute gewählt hatten, und brachen diverse regionale Bürgerkriege in Deutschland vom Zaun.

Also langsam mit den jungen Pferden. Wir wollen lieber die Gründe einmal nüchtern sichten, die für oder gegen die massenhafte Aufnahme von Flüchtlingen sprechen könnten. Immer noch sine ira et studio. Zuerst die …

Gründe gegen die massenhafte Aufnahme von Flüchtlingen

1. „Die Kultur der Flüchtlinge unterscheidet sich so stark von der deutschen, dass es massive gesellschaftliche Konflikte geben wird. Das gilt besonders für die Alltagskultur islamischer Länder mit ihrem patriarchalischen Frauen- und Familienbild und einer geschlossenen religiösen Weltanschauung – eine Kultur, der die Werte einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft nicht vertraut sind.“

Teilweise richtig, teilweise falsch. Viele der Flüchtlinge vor allem aus Syrien stammen aus der Mittelschicht, die erfahrungsgemäß wenig Probleme bei der Anpassung an deutsche Verhältnisse hat – man denke nur an die unzähligen Ärzte aus dem Nahen Osten, die aus Deutschland nicht mehr wegzudenken sind. Viele andere Flüchtlinge werden sich ungeachtet ihrer Herkunft und kulturellen Prägung große Mühe geben, in Deutschland gut anzukommen. Wieder andere Flüchtlinge dagegen werden uns Ärger machen. Um das vorherzusagen, braucht man kein Prophet zu sein.


2. „Die Flüchtlinge stellen eine enorme wirtschaftliche Belastung dar. Kurzfristig, da wir für Unterkunft und Ernährung sorgen müssen; langfristig, da viele sich nicht alleine werden ernähren können, und entweder von uns unterhalten oder aber durch teure Qualifikationsmaßnahmen für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden müssen. Und das in einer Zeit, da überall in den öffentlichen Haushalten gespart werden muss. Das Geld, das für Flüchtlinge ausgegeben wird, steht für Einheimische nicht mehr zur Verfügung.“

Ja, das ist so. Krisen kommen die Menschen immer teuer zu stehen. Und dies ist eine Krise. Sollte es uns allerdings gelingen, einen großen Teil der Neuankömmlinge gesellschaftlich zu integrieren, wird die deutsche Gesellschaft langfristig gewinnen. Integrierte Einwanderer füllen ansonsten unbesetzbare Stellen, zahlen Steuern und kurbeln durch ihre Nachfrage die Wirtschaft an. Nichtintegrierte Einwanderer dagegen kosten Geld. Hier stellt sich die Frage der Fragen: Können wir genügend Zuwanderer integrieren? Und können wir das schnell genug tun?


3. „Die Einwanderer werden Parallelgesellschaften bilden; Staaten im Staate mit anderen Werten, die in Konkurrenz zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung treten werden.“

Das kann passieren. Im kleinen Maßstab wird es auch passieren, da Einwanderer sich im fremden Land oft zuerst an die eigenen Landsleute halten. Ob es im großen Maßstab passiert; ob es etwa weiträumige No-go-Areas für die Polizei in deutschen Städten geben wird, hängt von unserer Politik ab. Integration ist ein schwieriges Geschäft, in das man mehr Hirnschmalz investieren muss als in die Gestaltung von Fußgängerzonen.


4. „Wenn so viele Zuwanderer ins Land kommen, fühlen sich viele Deutsche fremd in ihrer eigenen Heimat. Sie haben Angst zur diskriminierten Minderheit im eigenen Land zu werden.“

Na ja. Viele Deutsche fühlen sich auch fremd in ihrer Heimat, wenn alte Bäume in ihrer Straße gefällt werden, oder wenn ihre Stammkneipe nach vierzig Jahren zumacht. Sich ab und zu fremd zu fühlen, gehört zum Leben. Und bis die Deutschen zur Minderheit in Deutschland werden, müssten dann doch noch einige Dutzend Millionen Menschen mehr hier einwandern.


5. „Die Kultur des christlichen Abendlandes, der die Welt so viel verdankt, ist bedroht, wenn Millionen von Muslimen sich in Europa niederlassen.“

Quatsch. In Europa leben über 700 Millionen Menschen – was machen da 10 oder 20 Millionen Einwanderer mehr oder weniger aus! Zumal diese Einwanderer viel schneller europäisiert werden als sie die Einheimischen „islamisieren“ oder „asiatisieren“ oder „afrikanisieren“ könnten. Wenn das christliche Abendland tatsächlich bedroht ist, dann eher dadurch, dass es den Kontakt zu seinen christlichen Wurzeln verlieren könnte. Hier hat Angela Merkel recht: Wer sich Sorgen um das christliche Abendland macht, sollte mal wieder in eine Kirche gehen. Zumindest sollte er sich für seine eigene Kultur und deren Werte interessieren – auch im atheistischen Sachsen.


6. „Die deutsche Kultur ist durch so viele Zuwanderer bedroht. Die Befürworter der Zuwanderung hassen ihre eigene Kultur.“

Albern. Kultur ändert sich jeden Tag. Die deutsche Kultur im Jahre 2015 ist ganz anders als die deutsche Kultur zur Zeit Adenauers, die ihrerseits ganz anders war als die deutsche Kultur zur Zeit Goethes. Die deutsche Kultur des Jahres 2040 wird wieder anders sein. Zuwanderer werden bei ihrer Prägung sicher eine Rolle gespielt haben, ohne dass sie deshalb aufgehört haben wird, deutsch zu sein. Übrigens: Spätestens seit der polnischen Einwanderung ins Ruhrgebiet im 19. Jahrhundert gehört Zuwanderung zur deutschen Kultur. Dass einige Deutsche Deutschland am liebsten in eine kosmopolitische Weltkultur aufgelöst sehen möchten, sei dabei unbestritten: ein über 200 Jahre altes, kurioses Phänomen, das längst auch schon zur deutschen Folklore gehört.


7. „Unsere staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen sind überfordert, wenn innerhalb kürzester Zeit so viele Menschen aufgenommen werden sollen. Die Situation droht daher außer Kontrolle zu geraten. Es besteht die Gefahr, dass wir nicht mehr rechtzeitig gegensteuern können, falls gefährliche Entwicklungen auftreten.“

Stimmt. Egal ob man nun Zuwanderung beschränken oder aber Integration ermöglichen möchte: Ohne einen handlungsfähigen Staat geht gar nichts.



8. „Wir lassen uns von anderen Ländern Europas ausnutzen, wenn wir so viele Flüchtlinge aufnehmen. Die Bewältigung dieser Krise ist eine Aufgabe aller Europäer, vor der sich viele auf unserem Kontinent aber drücken möchten. Wenn wir in Vorleistung treten und von vornherein die meisten Flüchtlinge aufnehmen, lehnen sich die Anderen zurück und sagen: Lasst das ruhig mal die Deutschen machen...“

Ja, das ist so. Unsere Nachbarn würden dieses Problem liebend gerne Deutschland überlassen. Das Argument lautet: „Deutschland ist durch seine Attraktivität die Ursache des Flüchtlingsstroms, deshalb soll Deutschland auch die Folgen tragen.“ Was ja durchaus einleuchtend ist, wenn man sich mal in die Haut eines Ungarn oder Bulgaren hineinversetzt. Wie auch immer: Deutschland hat nicht die Macht, Bulgaren, Serben, Kroaten oder Österreicher daran zu hindern, Flüchtlinge einfach zu uns durchzuwinken. Die Flüchtlinge kommen. Und nun? Wollen wir uns schreiend auf den Boden werfen?


9. „Wir sollten nicht die Suppe auslöffeln, die andere versalzen haben. Das Chaos im Nahen Osten ist die unmittelbare Folge desaströser amerikanischer Politik. Das Chaos in Afghanistan ist die Spätfolge desaströser sowjetrussischer Politik. Sollen doch die USA und Russland die Flüchtlinge aufnehmen!“

Eine einleuchtende Forderung, die nichts hilft, denn Amerikaner und Russen wollen nicht, und wir können sie nicht dazu zwingen.


10. „Der Zustrom Hunderttausender weckt schlafende Hunde, oder vielleicht besser: schlafende Ratten. Die deutsche Gesellschaft hat eine nationalistische Vergangenheit, die unter großen Mühen überwunden wurde. Jetzt kriechen die Rechtsextremisten wieder aus ihren Löchern, und es gibt erstaunlicherweise Bürger, die das gut finden. Die Aufnahme von Flüchtlingen kann zu einem Rechtsruck der deutschen Gesellschaft führen, zu einem Klima von Hetze und Gewalt.“

Schon richtig, die Anfänge sind ja schon zu beklagen, aber soll man sich dem beugen? Man kann ja nicht immer vor dem Bösen zurückweichen... Und wir sagen ja auch nicht:  Um keine Handtaschenräuber zu ermutigen, ist das Tragen von Handtaschen ab jetzt verboten.


Haben wir etwas vergessen?  Bitte als Kommentar posten!

Im nächsten Text wollen wir uns nun die Gründe vornehmen, die für eine massenhafte Aufnahme von Flüchlingen angeführt werden. Auch hier gibt es Kluges und weniger Kluges. Bitte weiterlesen!

Thorsten Kleinschmidt, 20. Oktober 2015

 

Bild: Antonio Rocco: Os emigrantes. 1910. (via Wikimedia Commons)

1 Trackback

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  • reichsfrei.de  
    7 Gründe für die massenhafte Aufnahme von Flüchtlingen
    Im letzten Stück haben wir uns die Gründe angeschaut, die gegen die massenhafte Aufnahme von Flüchtlingen angeführt werden. Nun müssen wir den Aufnahmebefürwortern auf den Zahn fühlen. Warum also sollten wir Hunderttausende von Flüchtlingen ins Land lasse ...

2 Kommentare

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  • Wulfrad Schmid  
    Wer solch eine Ansammlung von Dummheiten veröffentlich, der ist die wirkliche Gefahr für Frieden im Land. Das ist eben das Problem der Demokratie, dass selbst Leute wie Sie ihre üble Meinung publizieren dürfen.
    • Thorsten Kleinschmidt  
      Ihr Kommentar macht mich ein wenig ratlos. Haben Sie den Text, den Sie kommentieren, wirklich gelesen? Und auch verstanden? Welche Dummheiten meinen Sie? Wo sehen Sie Übles? Konkret? Wenn Sie schon auf meiner Seite herumpöbeln, dann könnten Sie sich wenigstens mehr Mühe geben.

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