Vor 550 Jahren, am 13. November 1460, starb Prinz Heinrich der Seefahrer, der Mann, der Portugal aufs Meer trieb und Europa den Weg zur Eroberung der Welt wies.

Als lediglich vierter Sohn des portugiesischen Königs nicht zum Herrschen geboren, suchte er sich seine Lorbeeren im Krieg gegen die Mauren Nordafrikas. Auf der Suche nach dem Reich des legendären Priesterkönigs Johannes, das er als Verbündeten gewinnen wollte, schickte er die Männer seines Hofstaats in winzigen Schiffen auf den Atlantik und die afrikanische Küste entlang nach Süden.

Johannes fanden sie nicht, dafür aber Madeira, die Azoren, die Kapverden und den Weg um die Sahara herum zu den Völkern Westafrikas. Vor Seeungeheuern hatte man sie gewarnt, vor Meeresabgründen und einer Sonne, die die Menschen schwarz brenne. Über die Meere, die sie befahren wollten, wussten sie weniger, als die Mondfahrer von 1969 über den Himmelskörper wussten, auf den sie ihren Fuß setzen wollten.


Als die See sie nicht verschlang, gewannen sie die Überzeugung, Gottes Willen zu vollbringen. Und Gott schien auch zu wollen, dass Portugal reich werde. Denn wenn in Afrika auch keine Verbündeten gegen die Moslems zu gewinnen waren, so warfen die Fahrten doch genügend anderen Gewinn ab. Gold gab es in Afrika – und Sklaven. Die frommen christlichen Streiter wider die Mauren wurden bald zu gewieften Händlern und Sklavenjägern.

In den hundert Jahren nach Heinrichs Tod eroberten die Portugiesen sich mit brutaler Gewalt ein lukratives Kolonialreich. Spanier, Holländer, Engländer und Franzosen taten es ihnen bald nach.

Glaube, Gier, Gewalt – ist damit der Aufbruch Europas zur Eroberung der Welt hinreichend beschrieben?

Nein. Es bleibt doch immer noch etwas anderes. Was bringt Menschen dazu, sich zusammengepfercht wie Schafe auf zwanzig Meter langen Schiffen auf Wochen und Monate der Dünung eines Ozeans anzuvertrauen, den sie nicht kennen, ohne Notwendigkeit und ohne ein im Voraus bekanntes Ziel? Was bringt sie dazu, das immer wieder zu tun, auch wenn sie bei jeder Fahrt aufs Neue erleben, dass viele ihrer Mitfahrer die Reise nicht überleben? Glaube, Gier und Gewalt reichen als Antwort nicht aus.

Mut und Selbstvertrauen, Neugier und Ehrgeiz, Überdruss am Alten und Lust auf Neues, Leidensfähigkeit und unbändiger Lebenswille kennzeichnen vielleicht nicht nur die Seefahrer des Prinzen Heinrich, sondern auch dieses Europa, das sich aus dem Korsett einer vergangenen Epoche befreite und einer ungewissen Zukunft zuversichtlich entgegenging. Auch das, gerade das ist europäische Tradition.

Und so feiert Luís de Camões, der hundert Jahre später ihren Wegen folgte, sie zu Recht,

„As armas e os Barões assinalados
Que da Ocidental praia Lusitana
Por mares nunca de antes navegados
Passaram ainda além da Taprobana,
Em perigos e guerras esforçados
Mais do que prometia a força humana,
E entre gente remota edificaram
Novo Reino, que tanto sublimaram…“


"Die Waffen und die stolzen Heldenscharen,
Die von der Lusitanen Abendland
Durch Meere wallten, nie zuvor befahren,
Bis hinter Taprobanas grauen Strand,
Die, groß in Mühsal und in Kampfgefahren,
Vollbracht, was niemals Menschenkraft bestand,
Ein neues Reich zu bau’n in ferner Zone,
Das sie erhoben zu der Länder Krone…"

(Übersetzung: Johann Jakob Christoph Donner 1869)


 

2 Kommentare

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  • michel  
    Frage: Was hat es Portugal letztlich gebracht? jede Menge Menschenopfer, Kolonialkriege noch und nöcher und heute ist das Land eines der ärmsten in der EU.

    Und Deutschland? Hat damals nicht mitgemacht bei der "Eroberung der Welt" und ist heute eins der reichsten Länder der EU. Zufall?

    Vom Leid der Sklaven und anderen Opfer ganz zu schweigen.
    • carolus  
      Was es Portugal gebracht hat? Im Ernst?? Portugal war vom 16. Jahrhundert bis zum Erdbeben von Lissabon im 18. Jahrhundert das reichste Land Europas! Den Portugiesen, die zu dieser Zeit lebten, hat es also sehr viel gebracht! DAmit verbunden war die größte Kulturblüte in der Geschichte Portugals. Als das Kolonialreich zugrunde ging, ging es auch mit Wirtschaft und Kultur bergab. Bis Portugal sich in ein neues Imperium rettete - die EU.

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