Matthias Claudius, gestorben letzte Woche vor 200 Jahren, am 21. Januar 1815

Kriegslied


's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
's ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein.

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blass,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch' und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Doch Friede schaffen, Fried im Land und Meere:
Das wäre Freude nun!
Ihr Fürsten, ach! Wenns irgend möglich wäre!!
Was könnt Ihr Größers tun?


Nicht weniger als zehn Kriege hat Deutschland während der Lebenszeit des Matthias Claudius zwischen 1740 und 1815 durchlitten, fast alle auf eigenem Territorium.

Das Gedicht schlägt einen seltsamen Ton an: Der Sänger des Kriegslieds begehrt nicht etwa, dass es keinen Krieg gebe – er begehrt nur, „nicht schuld daran zu sein.“ Nicht der Krieg selbst ist das Hauptübel, sondern diejenigen sind es, die ihn verursachen. Friede schaffen? „Wenns irgend möglich wäre!!“  Wenn es aber nicht möglich ist? Dann begehre ich wenigstens, „nicht schuld daran zu sein.“  Schwierig, und deshalb angemessen.

In der Ursprungsfassung fehlt übrigens die letzte Strophe mit dem Friedensaufruf. Auch das interessant.



Bild: Nach einem Gemälde von Friederike Leischning. (User DarkScipio on de.wikipedia) [Public domain], via Wikimedia Commons

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