„Krieg ist schrecklich“ - Aber das ist nicht alles, was wir verstehen sollten.

 

Schlachtfeld bei Verdun
Granattrichter - Spuren der Schlacht bei Verdun


Wenn die Deutschen sich an den Krieg erinnern, dann geht es fast immer um den, den die deutsche Regierung 1939 selbst vom Zaun brach und den der Historiker Rolf-Dieter Müller in kühnem Optimismus als „den letzten deutschen Krieg“ bezeichnet hat.

In diesem Jahr 2016 bemerken wir, dass es noch andere deutsche Kriege gegeben hat. Die Gewohnheit der Menschen, sich Geschichte in mathematischen Zyklen zu denken, beschert uns heuer Gedenkveranstaltungen für drei Schlachten, über die nachzudenken auch heute lohnt. Und zwar nicht nur wegen der Opfer.

Vor 100 Jahren, von Februar bis Dezember 1916, versuchte die deutsche Heeresführung während des Ersten Weltkriegs in der Schlacht von Verdun dem französischen Gegner eine Entscheidungsschlacht aufzuzwingen, die den Krieg beenden sollte. Der Angriff auf die symbolträchtige Festung Verdun sollte die französische Armee zu strategisch unklugen Gegenangriffen provozieren, in denen sie so viele Männer verlieren musste, dass die französische Öffentlichkeit auf ein Ende des Krieges drängen würde. Das hat nicht funktioniert. Die Deutschen hatten fast genau so hohe Verluste, und der erfolgreiche französische Widerstand stärkte sogar die Moral der Bevölkerung. 200.000 Menschen starben, vielleicht auch 300.000.

Ebenfalls vor 100 Jahren, Ende Mai 1916, trafen in der Seeschlacht vor dem Skagerrak die Flotten Deutschlands und Großbritanniens aufeinander. Es war die größte Seeschlacht in der Geschichte Europas. Die deutsche Marineführung hatte gehofft, einen kleineren britischen Verband abfangen und vernichten zu können. Statt dessen sah man sich unversehens der gesamten, zahlenmäßig weit überlegenen britischen Schlachtflotte gegenüber. Die Briten ihrerseits trachteten danach, die Gelegenheit zur Vernichtung der deutschen Hochseeflotte zu nutzen. Auch dies scheiterte; die Deutschen kämpften sich den Weg nach Hause frei. Nach der Schlacht beanspruchten beide Seiten den Sieg.  Tatsächlich aber hatte die Schlacht niemandem genutzt. 8.500 Menschen starben.

Vor 150 Jahren schließlich, im Juli 1866,  besiegten drei preußische Armeen in der Schlacht bei Königgrätz in Böhmen die Armeen Österreichs und Sachsens. Die Schlacht entschied den Deutschen Krieg und machte Preußen zur Vormacht in Deutschland und Mitteleuropa. Österreich aber wurde durch die Niederlage vom deutschen Einigungsprozess ausgeschlossen und gleichsam aus Deutschland hinausgeworfen. 8.000 Menschen starben.

Wenn man diesen drei Schlachten nachsinnt, versteht man schnell, dass ihnen unterschiedliche Arten von Konflikten zugrunde lagen. Krieg ist nicht gleich Krieg.

 

1. Königgrätz: Integration
 


Bei Königgrätz ging es nur vordergründig um die Vormachtstellung in Deutschland. Die Frage, die hier blutig verhandelt wurde, war das Problem der Integration Mitteleuropas. Jahrhunderte leidvoller Erfahrung hatten gezeigt, dass die Landstriche zwischen Maas und Memel quasi nach einem Gesetz der politischen Natur immer zum Tummelplatz fremder Großmächte und ihrer Soldaten wurden, wenn es den Einheimischen nicht gelang, ihre eigenen politischen und militärischen Kräfte zu bündeln. Dass politische Schwäche eines Landes die Nachbarn zu einer, sagen wir, übergriffigen Politik verlockt, ist eine der ältesten Erfahrungen der Menschheit. In Mitteleuropa kam der Fluch der Geographie hinzu: Kaum eine andere Region grenzt an so viele ehrgeizige Mächte gleichzeitig, die denn auch gerne ihre Kriege auf deutschem oder polnischem Boden ausfochten. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zu den Napoleonischen Kriegen führten zahllose Feldzüge Heere aus Frankreich, Spanien, England, Holland, Dänemark, Schweden, Russland, dem Osmanischen Reich, ja sogar aus der Ukraine und Siebenbürgen kreuz und quer durch Mitteleuropa. Die Länder und Ländchen des Heiligen Römischen Reichs wie auch die Magnaten der polnischen Rzeczpospolita waren untereinander zerstritten und selten zu wirksamer Abwehr in der Lage; eine politische Zersplitterung, die von äußeren Mächten nach Kräften gefördert wurde. Die Konflikte der Mitteleuropäer untereinander boten ehrgeizigen Nachbarn immer wieder willkommenen Anlass zur Einmischung. Polen ging in mehreren Teilungen schließlich unter, und Deutschland wäre in der Zeit Napoleons beinahe das Gleiche widerfahren. Nach der Niederlage Napoleons hatten dann endlich die meisten verstanden, dass Mitteleuropa irgendeiner Form effektiver Integration bedurfte. Nur welcher?

1866 standen zwei Modelle zur Auswahl. In Wien sah man die Länder des Hauses Habsburg als Zentrum der Integration – Österreich, Ungarn, Tschechen und Slowaken, Slowenen und Kroaten, den österreichischen Teil Polens, Venetien. An diesen Integrationskern wollte man die anderen deutschen Staaten über die konföderalen Strukturen im Deutschen Bund nur lose ankoppeln. In Berlin und den meisten anderen Regionen Deutschlands dagegen wollte man Mitteleuropa durch die Bildung eines deutschen Nationalstaats integrieren, zur Not auch ohne Österreich. Auf dem Schlachtfeld von Königgrätz wurde diese Idee durchgesetzt. Wenige Jahre nach dem preußischen Sieg wurde das deutsche Kaiserreich gegründet. Österreich blieb außen vor, verstärkte aber in seinem nun begrenzten eigenen Machtbereich seinerseits die Integration, indem es die habsburgischen Länder als Doppelmonarchie Österreich-Ungarn neu organisierte.

So gab es mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn nun zwei Integrationsprojekte in Mitteleuropa, deren politische Lenker aber klug genug waren, fortan nicht miteinander zu konkurrieren, und die vielmehr im Gegenteil enge Verbündete wurden. So ist die Schlacht von Königgrätz letztlich eine Etappe auf dem Weg zur Lösung einer Jahrtausendaufgabe: der Integration Mitteleuropas und seiner Absicherung nach außen.


 

2. Verdun: Abwehr

Diese Errungenschaft war im Ersten Weltkrieg bedroht. Frankreich und Russland sahen in der Integration Mitteleuropas eine Bedrohung ihrer eigenen Ambitionen. Die Vereinigung Deutschlands, ausgerechnet nach einem siegreichen Krieg gegen Frankreich,  hatte Frankreichs jahrhundertealte Vormachtrolle in der Westhälfte Europas mit einem Schlag beendet, was in der politischen Klasse des Landes zu Ressentiments und Revanchegelüsten führte. Die Integration mitteleuropäischer Slawen im Rahmen des Habsburgerreiches war Russland ein Dorn im Auge, das sich selbst gerne als natürliche Vormacht aller slawischen Völker sah. Als nach einer langen Reihe politischer Ungeschicklichkeiten und Dummheiten der Krieg ausbrach, stand die Integration Mitteleuropas wieder zur Disposition.

Es gelang Deutschland und Österreich-Ungarn nicht, sie zu verteidigen.  Die Habsburgermonarchie wurde aufgelöst, und in der Osthälfte Mitteleuropas entstand eine Schütterzone aus schwachen, einander befehdenden Klein- und Mittelstaaten. Zwar überlebte der deutsche Nationalstaat den Krieg, dafür zerfiel die deutsche Gesellschaft innerhalb dieses Staates in einander bekämpfende Lager. Der Aufstieg des Nationalsozialismus war eine Folge dieser gesellschaftlichen Desintegration. Nach dem nächsten Krieg 1939-45 wurde dann rund 30 Jahre später als die Habsburgermonarchie auch der deutsche Nationalstaat zerstört. Und es kam wie in den Jahrhunderten vor 1866: Mitteleuropa wurde zum Spielball und – potenziellen –  Schlachtfeld fremder Großmächte, diesmal der Amerikaner und der Russen.

Hätte ein deutscher Sieg in der Schlacht von Verdun diese Abfolge von Katastrophen verhindern können? Den Ersten Weltkrieg hätte Deutschland zweifellos vermeiden müssen, und die Schlacht von Verdun war ein einziges Desaster, vor allem natürlich eine Katastrophe für die Opfer auf beiden Seiten. Verdun war falsch – aber das Ziel, die Integrationsprojekte „Deutsches Reich“ und „Österreich-Ungarn“ gegen deren erklärte Feinde zu verteidigen, war richtig. Die furchtbare Implosion Mitteleuropas nach 1918 zeigt: Die Mitteleuropäer müssen sich um eine stabile, integrierte Ordnung ihrer Weltregion bemühen, und sie müssen bereit und in der Lage sein, diese Ordnung zu verteidigen.


 

3. Skagerrak: Selbstüberschätzung

Und nun die Skagerrakschlacht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die deutsche politische Klasse nicht mehr damit zufrieden, mit aller Welt Handel zu treiben; man wollte vielmehr ein eigenes Kolonialreich und eine eigene Weltmachtrolle. Dadurch geriet man unweigerlich in Konflikt mit der damaligen Weltmacht Nummer 1, dem Britischen Empire. Vor diesem Hintergrund begann das Deutsche Reich, eine starke Kriegsflotte zu bauen; weniger um einen Seekrieg gegen die Briten führen zu können – den zu gewinnen wäre man niemals stark genug gewesen. Man glaubte vielmehr, für die Briten so als Bündnispartner attraktiv werden und sie davon abhalten zu können, sich antideutschen Bündnissen anzuschließen. Das war eine fatale Fehlkalkulation, denn von nun an betrachtete Großbritannien Deutschland nicht mehr nur als wirtschaftlichen Konkurrenten, sondern auch als militärischen Gegner. Deutsche und Briten fanden sich auf einmal in einem Rüstungswettlauf wieder. Deutschland konnte dieses Wettrüsten unmöglich gewinnen, da es als Kontinentalmacht, anders als die Briten, den größten Teil seiner Ressourcen für die Heeresrüstung aufwenden musste. Und so blieb die Kaiserliche Marine immer viel zu schwach, um im Krieg gegen die Briten wirklich nützlich sein zu können, verschlang aber andererseits Unsummen von Steuergeldern, die für die Stärkung des Heeres viel sinnvoller hätten ausgegeben werden können.

Über weite Strecken des Ersten Weltkriegs dümpelte die Flotte nutzlos in den Häfen vor sich hin, während es an den kriegsentscheidenden Landfronten an vielem fehlte. Die Schlacht vor dem Skagerrak bestätigte die Nutzlosigkeit der Schlachtflotte: Obwohl sie sich hervorragend geschlagen hatte, bewirkten ihre Erfolge – nichts. Die britische Flotte blieb trotzdem stärker, und die entscheidenden Schlachten wurden weiterhin zu Lande ausgetragen.

So steht die Skagerrakschlacht für eine verfehlte außen- und sicherheitspolitische Strategie: Um einem sinnlosen weltpolitischen Ehrgeiz zu genügen, vernachlässigten die politischen Eliten Deutschlands die Sicherung und Stabilisierung des kontinentalen Umfeldes, mithin der Region, aus der die Sicherheit Mitteleuropas wirklich bedroht war.


 

Lehren ? Integration, Wehrhaftigkeit, Selbstbeschränkung 

Königgrätz, Verdun, Skagerrak – das ist alles lange her. Trotzdem sollten wir in Deutschland hier einiges lernen – viel mehr, als die Banalität, dass Krieg eben schrecklich ist. Wie wäre es hiermit:

1. Deutschland liegt in der Mitte Europas, an einem Ort, an dem es von sämtlichen Konflikten des Kontinents in der ein oder anderen Form in Mitleidenschaft gezogen wird. Es muss daher im europäischen Zentrum eine Integrationsordnung aufbauen oder unterstützen, die den Kontinent im Innern zu befrieden und nach außen zu sichern vermag. (Königgrätz)

2. Deutschland muss bereit und in der Lage sein, diese Integrationsordnung nach außen zu verteidigen – mit Sinn und Verstand, gleichwohl auch mit Festigkeit. (Verdun)

3. Dazu darf Deutschland seine begrenzten Ressourcen nicht für Weltmachtabenteuer vergeuden.  (Skagerrak)



In einer Lage, da Integrationseuropa in einer Krise ist, Russland und der sogenannte Islamische Staat ungeniert in das Herz Europas hineinzuregieren versuchen und die global operierende Bundeswehr zur Verteidigung Deutschlands und Europas kaum mehr zu gebrauchen ist, sind dies tatsächlich Forderungen der Zeit.
 

 

Foto: Un champs de bataille de Verdun pendant la guerre 1914-1918 qui conserve les impacts d'obus. Oeuvre personnelle. Via Wikimedia Commons.

 

 

 

 

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