Weihnachten ist vorbei, die Weltgeschichte geht weiter. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht; was die Vergangenheit gebracht hat, wollen wir wieder einmal Revue passieren lassen. Wo stehen wir im Jahre des Herren 2014?

Jahrestage:

Vor 2500 Jahren wurde im demokratischen Athen das Scherbengericht eingeführt. Einmal im Jahr konnten die Bürger anonym beschließen, einen missliebigen Mitbürger für 10 Jahre zu verbannen. Treffen konnte es jeden; jeder Stimmbürger ritzte den Namen seines Hasskandidaten in eine Scherbe ein; wer die meisten Stimmen erhielt, musste Athen verlassen. Auf diese Weise wurden umstrittene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, oft Politiker, abgestraft. Die Tyrannei der öffentlichen Meinung erhielt hier Verfassungsrang. Demokratie kann eine hässliche Angelegenheit sein. (487 vor Christus)

Vor 2100 Jahren ergriff im römischen Bürgerkrieg die Partei der Popularen unter Gaius Marius die Macht in Rom. Marius errichtete eine Schreckensherrschaft: Führer und Parteigänger der gegnerischen Partei der Optimaten wurden verfolgt, ermordet oder zur Selbsttötung getrieben. Marius war Berufssoldat und machte auch Politik mit dem Schwert. Die politische Kultur Roms erholte sich nicht mehr von dieser Orgie politischer Gewalt. 40 Jahre später war die römische Republik am Ende – und damit die Ära der antiken Demokratie. (87 vor Christus)

Vor 2000 Jahren starb Augustus, der erste Kaiser Roms. Er errichtete eine neue politische Ordnung. Auf den Bürgerkriegstrümmern der Republik erstand eine Monarchie, die sich zwar noch mit allerlei scheindemokratischem Flitter schmückte, ihre Stärke aber nicht mehr aus der Ermächtigung durch die Bürger, sondern aus der Macht über das Militär zog. Die Legionen des Augustus garantierten gegen innere wie äußere Bedrohungen die Pax Romana, eine lange Friedenszeit, die einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung ermöglichte. Das äußerst heterogene Reich begann, zu einem einheitlichen Kulturraum zusammenzuwachsen. Sicherheit und Wohlstand statt politischer Freiheit – das ist die Verheißung des Römischen Reichs, wie Augustus es schuf. Und länger als anderthalb Jahrtausende glaubten wir in Europa dann, mehr könne man nicht erreichen. (14 nach Christus)

Vor 1950 Jahren besang Kaiser Nero das brennende Rom – das behaupteten zumindest seine Gegner. Um sich von dem Vorwurf reinzuwaschen, er habe die Stadt anzünden lassen, suchte er einen Sündenbock, fand die Christen und ließ hunderte von ihnen bestialisch hinrichten. Wenn Menschen wegen ihres Glaubensbekenntnisses verfolgt werden, geht es kaum je um Religion. (64 nach Christus)
 


Vor 1400 Jahren musste der Frankenkönig Chlothar II. im Edictum Chlotharii den adligen Grundbesitzern weitreichende Rechte zugestehen. Nicht mehr Beamte, die nur dem Herrscher verpflichtet waren, sollten das fränkische Reich fortan regieren, sondern der lokale Adel. Die politische Ordnung des Mittelalters kündigte sich an – die politischen Ideen Roms waren tot. (614)

Vor 1200 Jahren starb Karl der Große, der erste Kaiser des Mittelalters. Acht Jahrhunderte nach Augustus träumten die politischen Eliten Europas von einer Neubegründung des Römischen Reichs im Geiste des Christentums. Eine neue Ära von Sicherheit, Wohlstand und christlicher Gesinnung wurde ersehnt. Das mächtige Frankenreich Karls bot sich als Keimzelle an. Karl war ein skrupelloser Kriegerkönig und gleichzeitig ein Mann mit politischen und kulturellen Visionen. Er schuf ein wohlgeordnetes Großreich im Herzen Europas, und er hinterließ das Ideal einer politischen und kulturellen Vereinigung der Christenheit. Wenn man den Einfluss dieser Idee bis in die Gegenwart verfolgt, landet man bei der Europäischen Union – und bei den Vereinten Nationen. (814)

Vor 500 Jahren scheiterte in Württemberg der Aufstand der Bauernbewegung, die sich „Armer Konrad“ nannte. Im selben Jahr wurde in Ungarn der sehr viel größere Bauernaufstand des György Dózsa niedergeschlagen. Tausende Bauern kamen um. Die Geschichte Europas kennt zahllose solcher gescheiterten Aufstände der Armen und Entrechteten. Erfolg versprechen sie nur, wenn Teile der besser gestellten Schichten sich der Bewegung anschließen und ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihre Wirtschaftskraft beisteuern. (1514)

Vor 400 Jahren wurde eines der ersten deutschen Weltunternehmen, das Handelshaus der Welser, Opfer einer Weltwirtschafts- und -finanzkrise. Die Welser hatten staatlichen Schuldnern viel Geld geliehen. Allgemeine Strukturprobleme der Weltwirtschaft in Folge des unablässigen Zustroms südamerikanischer Edelmetalle nach Europa einerseits und eine fiskalisch bedenkenlose Großmachtpolitik andererseits trieben Frankreich, die Niederlande und Spanien in den Staatsbankrott. Diese Ausfälle konnte das Unternehmen nicht verkraften – das Handelshaus war zahlungsunfähig und wurde dichtgemacht. Damals wurde ein Investor, der sich verspekuliert hatte, noch nicht mit Steuergeldern gerettet. (1614)

Vor 200 Jahren brach das europäische Reich Napoleon Bonapartes auf den Schlachtfeldern Nordfrankreichs zusammen – Russen, Österreicher, Preußen und Engländer marschierten in Paris ein; Napoleon dankte ab und wurde nach Elba verbannt. Noch ein Kaiser, noch ein Soldat... Nach drei gewonnenen Kriegen hatte er das Heilige Römische Reich zur Selbstauflösung gezwungen. Er hatte sich selbst zum Kaiser gekrönt, um höchstpersönlich die Nachfolge Karls des Großen anzutreten – nach tausend Jahren. Sein Kaiserreich aber stand nicht im Zeichen des Christentums, sondern im Zeichen der Aufklärung. Freiheit und Fortschritt wollte der Kaiser der Franzosen Europa bringen; er brachte aber vor allem Krieg und Elend. Der erste Kaiser Europas, Augustus, hatte den Menschen Sicherheit und Wohlstand auf Kosten der Freiheit gegeben. Napoleon gab ihnen Freiheit auf Kosten von Sicherheit und Wohlstand. Die Europäer bewunderten ihn  – und jagten ihn dann zum Teufel. (1814)

Vor 150 Jahren besiegte der Deutsche Bund im Krieg um Schleswig-Holstein Dänemark. An den Kämpfen waren auf deutscher Seite nur preußische und österreichische Truppen beteiligt. Es war der erste der sogenannten deutschen Einigungskriege. Der Name verweist auf die militaristische Version des deutschen Nationalmythos: Die Vereinigung der Deutschen sei auf dem Schlachtfeld, von Soldaten vollzogen worden – zuerst im Kampf gegen Napoleon, jetzt im Kampf gegen die Dänen; später, 1870, kam noch ein Kampf gegen Frankreich dazu. Der Krieg quasi als Vater der deutschen Nation, als ihr Urzustand. Fataler Unsinn. (1864)

Ebenfalls vor 150 Jahren endete Russlands großer Kaukasuskrieg nach beinahe 50 Jahren erbitterter Kämpfe mit der völligen Unterwerfung der Völker des Nordkaukasus. Hunderttausende Kaukasier – Tscherkessen, Tschetschenen, Dagestaner – flohen ins Osmanische Reich. Dieser Krieg erlebt seit 1994 eine Neuauflage, und so mancher in Russland mag sich insgeheim wünschen, russische Truppen hätten nie einen Fuß in die Region gesetzt. Aber auch dumme Kriege schaffen Sachzwänge, denen auch kluge Menschen sich später nur schwer entziehen können. (1864)

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Dieser erste Krieg steht in Deutschland immer im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Tatsächlich aber war der Erste Weltkrieg der weitaus größere historische Einschnitt. Hätten wir es geschafft, den ersten Krieg zu verhindern, hätte es den zweiten nicht gegeben; und auch die Diktaturen Hitlers, Stalins, Mussolinis, Francos wären uns erspart geblieben. Aber statt den Weg rechtlicher Einhegung internationaler Konflikte weiterzugehen, der im 19. Jahrhundert schon betreten worden war; statt die grenzüberschreitende wirtschaftliche Integration zu fördern, die im 19. Jahrhundert schon so große Fortschritte gemacht hatte; statt am Ideal einer kosmopolitischen Bildung und Wissenschaft festzuhalten, das doch der europäischen Tradition entsprach; statt all dessen ließen sich die Menschen Europas von einer überforderten politischen Klasse in den Abgrund führen. Warum, hat bis heute niemand richtig verstanden. In jedem Falle haben uns die  Ambitionen der Nationen Europas nicht weiter gebracht als der übernationale Ehrgeiz eines Augustus, Karl oder Napoleon. (1914)

Und heute? Heute haben wir die EU: ein Reich, das sich auf die Nationen stützen und die Ideale Sicherheit, Wohlstand und Freiheit gleichzeitig umsetzen will. Das Ziel ist gut gewählt, der Weg dorthin völlig ungewiss.

 

1 Kommentar

Verschachtelt

  • Stefan Wehmeier  
    Die Programmierung des kollektiv Unbewussten mit dem künstlichen Archetyp Jahwe (Übergang vom Vielgottglauben zum Eingottglauben) befreite zwar einerseits die Menschheit aus der unbewussten Sklaverei des Ursozialismus, ließ aber andererseits dem bis heute unbewussten Kulturmenschen die systemische Ungerechtigkeit der Erbsünde nicht erkennen, aus der zwangsläufig alle Zivilisationsprobleme erwachsen, die sich überhaupt thematisieren lassen. Jesus erkannte die Erbsünde und fand als erster Denker in der bekannten Geschichte die einzige Lösung (Erlösung) zu ihrer Überwindung. Wo die Menschheit heute wäre, hätte die Moralverkaufs-Mafia der "heiligen katholischen Kirche" das größte Genie aller Zeiten nicht zu einem moralisierenden Wanderprediger degradiert und die originale Heilige Schrift des Urchristentums verbrannt, sprengt jedes Vorstellungsvermögen! Aber es ist nun mal passiert, und selbstverständlich agiert die schlimmste Verbrecher-Organisation der Welt nicht aus Bosheit, sondern aus purer Dummheit, sodass man ihr nicht einmal böse sein kann. Die Volksverdummung durch den Katholizismus (stellvertretend für alles, was sich heute "christlich" nennt) war so "erfolgreich", dass noch zwei Weltkriege stattfinden mussten, zwischenzeitlich ein Teil der Menschheit mit der Ersatzreligion des Marxismus wieder in den Staatskapitalismus zurückfiel, und heute die totale atomare Selbstvernichtung droht, während das konkrete Wissen zur endgültigen Überwindung von Massenarmut und Krieg schon seit über einem Jahrhundert erneut zur Verfügung steht:

    "Wir wären weit, weit über den Kapitalismus hinaus (Kapitalismus = wirtschaftlicher Zustand, in dem die Nachfrage nach Geld und Realkapitalien das Angebot übertrifft und darum den Zins bedingt), wenn seit 3000 Jahren durch die Wirtschaftskrisen die Kultur nicht immer wieder die mühsam erklommenen Stufen heruntergestoßen worden wäre; wenn die bettelhafte Armut, in der jede Krise die Volksmassen hinterlässt, nicht die Bettlergesinnung großgezogen hätte, die nun einmal den Menschen, groß und klein, in den Knochen liegt. … Die Plage des Hungers und der Druck der Schulden sind böse Erzieher. …Und wo wären wir heute in wissenschaftlicher, technischer Beziehung angelangt, wenn die vielversprechende Kultur, die das Gold, obschon blutbefleckt, geraubt und erpresst, in Rom erstehen ließ, nicht unter einer anderthalbtausendjährigen, durch Geldmangel erzeugten ökonomischen Eiszeit erstarrt, vergletschert, vernichtet worden wäre? Sicherlich säßen wir jetzt auf dem Throne Gottes und ließen das All im Kreis an unserem Finger laufen."

    (aus "Die neue Lehre vom Geld und Zins", 1911)

    Silvio Gesell (1862 – 1930) konnte noch nicht wissen, dass die von ihm im Detail beschriebene Natürliche Wirtschaftsordnung (freie Marktwirtschaft ohne Kapitalismus) nicht nur der sprichwörtliche, sondern der tatsächliche "Himmel auf Erden" ist, denn die Heiligen Schriften von Nag Hammadi, die das zweifelsfrei beweisen, wurden erst 1945 entdeckt. Aus den vier biblischen Evangelien, die von Anfang an nur für den Moralverkauf erdichtet wurden, ist das nicht mehr zu erkennen. Umso erstaunlicher ist die Leistung des Silvio Gesell (die moderne Physik hat Einstein verstanden, aber die "moderne" VWL noch nicht Gesell), der wie Jesus von Nazareth die einzige Möglichkeit zur Überwindung der Erbsünde beschrieb, ohne aber zu wissen, was die Erbsünde ist, und ohne Gott erkannt zu haben:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/macht-oder-konkurrenz.html

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