Otto von Bismarck, geboren heute vor 200 Jahren, am 1. April 1815

Im Jahre 1888 vergrößerte Deutschland während einer diplomatischen Krise mit Russland sein Heer. In der entscheidenden Reichstagssitzung ergriff Bismarck als Reichskanzler das Wort.



Otto von Bismarck, Aus der Rede vor dem Reichstag vom 6.2.1888

„ … Ich bin nun weit entfernt, aus der Tatsache, dass ich sie heute für unmotiviert halte, den Schluss zu ziehen, dass wir einer Verstärkung der Wehrkraft nicht bedürften sondern umgekehrt  (…) Wir müssen, unabhängig von der augenblicklichen Lage, so stark sein, dass wir mit dem Selbstgefühl einer großen Nation, die unter Umständen stark genug ist, ihre Geschicke in ihre eigene Hand zu nehmen, auch gegen jede Koalition – mit dem Selbstvertrauen und mit dem Gottvertrauen, welches die eigene Macht verleiht und die Gerechtigkeit der Sache, die immer auf deutscher Seite bleiben wird nach der Sorge der Regierung -, dass wir damit jeder Eventualität entgegensehen können und mit Ruhe entgegensehen können. Wir müssen, kurz und gut, in diesen Zeiten so stark sein, wie wir irgend können, und wir haben die Möglichkeit, stärker zu sein als irgendeine Nation von gleicher Kopfstärke in der Welt; - ich komme darauf noch zurück-, es wäre ein Vergehen, wenn wir sie nicht benutzten. Sollten wir unsere Wehrkraft nicht brauchen, so brauchen wir sie ja nicht zu rufen.

(…)

Wenn ich sage, wir müssen dauernd bestrebt sein, allen Eventualitäten gewachsen zu sein, so erhebe ich damit den Anspruch, dass wir noch größere Anstrengungen machen müssen als andere Mächte zu gleichem Zwecke, wegen unserer geographischen Lage. 


Wir liegen mitten in Europa. Wir haben mindestens drei Angriffsfronten... Wir sind außerdem der Gefahr der Koalition nach der ganzen Entwicklung der Weltgeschichte, nach unserer geographischen Lage und nach dem vielleicht minderen Zusammenhang, den die deutsche Nation bisher in sich gehabt hat im Vergleich mit anderen, mehr ausgesetzt als irgendein anderes Volk. Gott hat uns in eine Situation gesetzt, in welcher wir durch unsere Nachbarn daran verhindert werden, irgendwie in Trägheit oder Versumpfung zu geraten. Er hat uns die kriegerischste und unruhigste Nation, die Franzosen, an die Seite gesetzt, und er hat in Russland kriegerische Neigungen groß werden lassen, die in früheren Jahrhunderten nicht in dem Maße vorhanden waren. So bekommen wir gewissermaßen von beiden Seiten die Sporen und werden zu einer Anstrengung gezwungen, die wir vielleicht sonst nicht machen würden. Die Hechte im europäischen Karpfenteich hindern uns, Karpfen zu werden, indem sie uns ihre Stacheln in unseren beiden Flanken fühlen lassen; sie zwingen uns zu einer Anstrengung, die wir freiwillig vielleicht nicht leisten würden, sie zwingen uns auch zu einem Zusammenhalten unter uns Deutschen, das unserer innersten Natur widerstrebt; sonst streben wir lieber auseinander... Wir müssen dieser Bestimmung der Vorsehung aber auch entsprechen, indem wir uns so stark machen, dass die Hechte uns nicht mehr tun als uns ermuntern.

(…)

Es ist während der ganzen Kongressverhandlungen kein russischer Wunsch zu meiner Kenntnis gekommen, den ich nicht befürwortet, ja, den ich nicht durchgesetzt hätte … Ich habe mich auf dem Kongress so verhalten, dass ich dachte, nachdem er zu Ende war: nun, den höchsten russischen Orden in Brillanten besitze ich längst, sonst müsste ich den jetzt bekommen. Kurz, ich habe das Gefühl gehabt, ein Verdienst für eine fremde Macht mir erworben zu haben, wie es selten einem fremden Minister vergönnt gewesen ist.

Welches musste also meine Überraschung und meine Enttäuschung sein, wie allmählich eine Art von Presscampagne in Petersburg anfing, durch welche die deutsche Politik angegriffen, ich persönlich in meinen Absichten verdächtigt wurde … Der Vorgang betreffs des Kongresses enttäuschte mich, der sagte mir, dass selbst ein vollständiges Indienststellen unserer Politik (für gewisse Zeit) in die russische uns nicht davor schützte, gegen unseren Willen und gegen unser Bestreben mit Russland in Streit zu geraten. Dieser Streit … steigerte sich bis zu Drohungen, bis zu vollständigen Kriegsdrohungen von der kompetentesten Seite.

(…)

Die russische Presse, die russische öffentliche Meinung hat einem alten mächtigen und zuverlässigen Freunde, der wir waren, die Tür gewiesen; wir drängen uns nicht auf. Wir haben versucht, das alte vertraute Verhältnis wieder zu gewinnen, aber wir laufen niemand nach. Das hält uns aber nicht ab, - im Gegenteil, es ist uns ein Sporn mehr, die Vertragsrechte, die Russland uns gegenüber hat, mit doppelter Genauigkeit zu beobachten.

(…)

Jedes Land ist auf die Dauer doch für die Fenster, die seine Presse einschlägt, irgend einmal verantwortlich; die Rechnung wird an irgendeinem Tage präsentiert in der Verstimmung des anderen Landes. Wir können durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen werden – vielleicht zu leicht - , aber durch Drohungen ganz gewiss nicht. Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt; und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt.

Wer ihn aber trotzdem bricht, der wird sich überzeugen, dass die kampfesfreudige Vaterlandsliebe, welche 1813 die gesamte Bevölkerung des damals schwachen, kleinen und ausgesogenen Preußen unter die Fahnen rief, heutzutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist, und dass derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift, sie einheitlich gewaffnet finden wird, und jeden Wehrmann mit dem festen Glauben im Herzen: Gott wird mit uns sein!“



Die russische Außenpolitik strebte damals danach, die Kontrolle über Bulgarien zu erlangen, notfalls durch Krieg. In den regierungstreuen russischen Medien forderte man daher eine „Politik der freien Hand“, d.h. die Aufkündigung aller vertraglichen Bindungen, die der russischen Expansionspolitik entgegenstanden. Besonders schossen sich die Zeitungen auf Deutschland ein, dass wegen seines Bündnisses mit Österreich von vielen russischen Politikern und Publizisten als entscheidendes Hindernis bei der Verwirklichung panslawistischer Träume gesehen wurde.

Vor diesem Hintergrund verstärkte Deutschland 1888 sein Heer. Hohe Militärs planten schon einen Präventivkrieg gegen Russland, den Bismarck aber zu verhindern wusste.  Auch ein Angriff Russlands blieb schließlich aus.  Bismarcks Politik in der Krise bestand aus zwei Komponenten: einer flexiblen Diplomatie, die zu Zugeständnissen bereit war – und demonstrativer Aufrüstung, die klar machte, dass Deutschlands Kompromissbereitschaft nicht mit Schwäche verwechselt werden sollte. Wie Theodore Roosevelt 13 Jahre später formulieren sollte: „Speak softly and carry a big stick.“

Und nun die Leserfrage: Was sind wir heute – Karpfen oder Hechte?

1 Kommentar

Verschachtelt

  • Anonym  
    Bestimmt Karpfen. So von wegen friedfertig...

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