Die Bilder aus Tunesien und Ägypten, Jordanien und dem Jemen sind faszinierend und scheinen viel zu versprechen, allein wir trauen ihnen nicht recht. So die Sicht vieler westlicher Beobachter auf die Ereignisse im Nahen Osten.

Glauben wir nicht zu wissen, dass von einer Demokratisierung in islamischen Ländern meist islamistische Parteien profitieren? Ein Glaube, der uns mit Unbehagen erfüllt. Und doch: Ein Hauch von 1989 weht durch die Straßen von Tunis und Kairo. Längst hatten wir uns damit abgefunden, dass die verknöcherten politischen Ordnungen in der arabischen Welt für die Ewigkeit gemacht waren – wie einst die realsozialistischen Systeme im Osten Europas.

Der Vorhang, der uns von unseren Nachbarn an den südlichen und östlichen Gestaden des Mittelmeers trennt, ist jedoch kein eiserner – er ist gewebt aus Verständnislosigkeit, Desinteresse, ängstlichem Ressentiment und dem Glauben, dass die Region uns außer Öl nichts zu bieten hat. Dieser Vorhang ist Jahrhunderte alt, war aber nicht immer da.

 

In der Antike und im frühen Mittelalter waren der Nahe Osten und Nordafrika selbstverständlicher Teil „unserer“ Welt. Über 1000 Jahre lang war Griechisch Amts- oder Verkehrssprache von Libyen bis Anatolien; unbestritten waren Städte wie Karthago, Alexandria, Antiochia, Konstantinopel Zentren, nein, nicht der „westlichen“ Welt, sondern einer West und Ost gleichermaßen umfassenden gemeinsamen Hochkultur. Erst der arabisch-islamische Imperialismus brach diese Einheit auf und führte zu einer scharfen, dauerhaften politischen und militärischen Polarisierung zwischen Abendland und Morgenland.  Auf die arabischen Eroberungskriege folgten Kreuzzüge und Reconquista, auf diese folgte der osmanische Imperialismus; und schließlich wiederum der Kolonialimperialismus Russlands, Frankreichs und Großbritanniens.

Bis heute werden die Beziehungen zwischen westlicher und islamischer Welt gerne in Begriffen der Gegnerschaft beschrieben – auf beiden Seiten. Da erscheint Israel als imperialistischer Vorposten des Westens, und westliche Truppen im Irak oder Afghanistan sind natürlich „Kreuzfahrer“.  Auf der anderen Seite werden islamistische politische Bewegungen gleich als Anzeichen dafür gewertet, dass Europa neue islamische Eroberungszüge drohen, und sei es in Gestalt klammheimlicher Unterwanderung durch zunächst harmlos erscheinende Einwanderer. Die These vom clash of civilizations wurde nach der Blaupause des historischen europäisch-islamischen Konflikts entworfen, der dadurch gleichsam bis in Gegenwart und Zukunft fortgeschrieben wird.

Dabei gilt: Noch nie war zwischen Ost und West so wenig Imperialismus wie heute.  Nur im Nordkaukasus wird heute noch eine überwiegend muslimische Bevölkerung von einer abendländischen Macht beherrscht. Die militärischen Besatzungen im Irak und in Afghanistan sind offensichtlich vorübergehender Natur und waren ihrerseits Reaktionen auf eine vermeintliche oder wirkliche islamistische Bedrohung, dabei nie auf Dauer angelegt. Der islamistische Terrorismus andererseits fügt dem Abendland kaum mehr als Nadelstiche zu und ist weit davon entfernt, irgendeine Form von Herrschaft realistisch auch nur anstreben zu können. Real ist der Einfluss abendländischer Mächte auf die Führungseliten einiger islamischer Staaten; er ist nach Umfang und Art aber kaum „imperialistischer“ als der Einfluss etwa der EU oder der NATO auf Rumänien oder Bulgarien. Auch ist diese Einflussnahme teilweise wiederum in einer westlichen Furcht vor islamistischen Bewegungen begründet.

Was Abend- und Morgenland trennt, ist heute vor allem die Kultur im weiteren Sinne: die politische Kultur, die Wirtschaftskultur, die Wissenschaftskultur, die Alltagskultur. Die typische orientalische Gesellschaft ist gekennzeichnet durch eine Mischung aus Despotismus und Fatalismus, die wirtschaftliche und wissenschaftliche Dynamik verhindert und ungerechte soziale Strukturen versteinern lässt. Das jedenfalls haben wir bislang geglaubt.

Und nun dies: demokratische Revolutionen in Tunesien und Ägypten, die von Marokko bis zum Jemen die Bevölkerung elektrisieren und die Despoten zum Zittern bringen. Wo ist er hin, der orientalische Fatalismus? Wir sind überrascht. So überrascht waren wir auch 1989, als in Europas Osthälfte die Regime stürzten und wir feststellten, dass wir über die Gesellschaften jenseits des Eisernen Vorhangs zwar vieles behauptet, aber anscheinend nur wenig gewusst hatten. Was wissen wir eigentlich sicher über die Gesellschaften der islamischen Welt südlich und östlich des Mittelmeers?

Sicher zu wenig, um den Ausgang der Demokratisierungsversuche vorhersagen zu können. Wie wahrscheinlich ist es etwa, dass militante islamistische Kräfte an die Macht kommen könnten?

Erinnern wir uns: Nach 1989 prophezeiten viele eine Auferstehung des alteuropäischen Nationalismus in Osteuropa. Und in der Tat tobten sich in Jugoslawien nationalistische Kräfte in blutigen Kriegen aus. In den übrigen exkommunistischen Staaten fügten sich nationalkonservative Kräfte aber über kurz oder lang in die neuen demokratischen Systeme ein. Die Bevölkerung blieb bemerkenswert unempfänglich für radikale Parolen. Von großer Bedeutung war dabei wohl die mäßigende Vorbildfunktion der westeuropäischen Gesellschaften und der EU. Und die Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik der EU, die ziviles Verhalten zur Bedingung für eine Annäherung an den europäischen Wohlstandsraum machte.

Welche Vorbilder haben die Menschen in der südlichen Nachbarschaft Europas vor Augen? Der Ayatollah Chamenei will ihnen schon das islamistische System des Iran andienen, aber ob Menschen, die durch öffentlichen Protest ein Regime loswerden wollen, sich von einem System angezogen fühlen, das eben solchen Protest bei sich zu Hause erst kürzlich brutal hat niederschlagen lassen, ist doch fraglich. Wohin also schauen die Ägypter, Tunesier, Syrer, wenn sie nach Modellen für ihre eigene Gesellschaft suchen? Auf den ebenfalls islamistisch regierten Gazastreifen? Na ja. Auf die Türkei, die von einer islamisch orientierten Partei demokratisch regiert wird? Nach Europa, wo Millionen von Auswanderern leben? Oder orientieren sie sich – uneingestandenermaßen – sogar an Israel?

Wie auch immer: Die Möglichkeiten Europas im Allgemeinen und Deutschlands im Besonderen, den Gang der Ereignisse zu beeinflussen, sind nicht besonders groß. Irak und Afghanistan zeigen, wie schwierig und zweifelhaft die Idee einer Demokratisierung von außen ist. Aber auch die Unterstützung bewährter Diktatoren und ihre Verklärung zu „weisen Männern“, die uns die „Stabilität“ in der Region garantieren, ist nicht nur unanständig, sondern auch kontraproduktiv, treibt sie doch die für ihre Freiheit streitenden Menschen genau denen zu, die schon immer behauptet haben, „der Westen“ sei der Hauptfeind der Freiheit der Muslime.

Warum lösen wir uns nicht versuchsweise von jahrhundertealten Denkmustern. Gehen wir doch einmal davon aus, dass unsere südlichen Nachbarn uns ähnlicher sind, als wir bisher gedacht haben. Dass sie vor allem ein ganz normales Leben leben wollen: ohne von ihren gesellschaftlichen Eliten ständig übervorteilt oder für dumm verkauft zu werden; ohne dass ihre Steuergelder und andere Einnahmen ihres Staates in unterirdische Kanäle von Vettern- und Schattenwirtschaft geleitet werden; ohne dass die Schulen und Hochschulen ihrer Kinder finanziell ausbluten, weil mit dem Geld die gierige Gefolgschaft der Herrscher befriedigt werden muss; ohne die ohnmächtige Wut, die sie befällt, wenn sie wieder eine Kröte schlucken müssen und dabei nicht einmal protestieren dürfen.

Diese Wünsche laufen weder unseren Werten noch unseren Interessen zuwider, ganz im Gegenteil.  Sie lassen sich am ehesten in einem demokratischen System erfüllen, wie auch immer dieses konkret aussehen mag.  Eine Demokratisierung könnte die Region daher nachhaltig stabilisieren. Die Diktatur dagegen ist im Zeitalter von Internet und Al-Jazeera eine wackelige Staatsform geworden: Kein Diktator kann sich mehr sicher fühlen, wenn seine Untertanen jeden Tag im Medium ihrer Wahl sehen können, um wie viel besser es sich in demokratischen Nachbarländern lebt.

Und die Islamisten? Die müssen sich in einem demokratischen System erstmals einem echten Wettstreit um die besten, realistischen Konzepte für einen besseren Alltag stellen. Wer den bestehen will, muss mehr bieten als eine mittelalterliche Auslegung des Koran.

Können wir Europäer uns eine demokratisierte islamische Welt von Tanger bis zum Kaspischen Meer überhaupt vorstellen? Sie wäre uns ähnlicher. Wir verlören auf einmal unseren ewigen Widerpart, unser Schreckgespenst, die Quelle unserer zivilisatorischen Selbstbestätigung. Plötzlich wäre das Mittelmeer keine Grenze mehr, sondern eine Brücke – wie es das ein Jahrtausend lang schon einmal war. Das wäre die größte Revolution. Konjunktiv.

 
Noch ein paar Lektürehinweise:

Stefan Kornelius auf süddeutsche.de über die „Ohmacht des Westens“

Ein skeptisch-realistischer Blick auf die „Welt, wie sie ist“ von Berthold Kohler auf faz.net 

Ayad Al-Ani auf alsharq.de über „Arabien als Teil der hellenistisch-römischen und christlichen Welt“  

  
 

1 Kommentar

Verschachtelt

  • alibaba  
    "Warum lösen wir uns nicht versuchsweise von jahrhundertealten Denkmustern. Gehen wir doch einmal davon aus, dass unsere südlichen Nachbarn uns ähnlicher sind, als wir bisher gedacht haben."

    Wir wissen doch jetzt mal wieder: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland." Da braucht uns ja das alles wohl auch gar nicht zu interessieren, oder? Ist schon mal jemandem aufgefallen, wie absolut untätig die deutsche Politik sich zurzeit verhält? Sogar destruktiv, wenn Versuche von Frankreich und Großbritannien in Libyen zu helfen, von vornherein abgeblockt werden. Es verlangt ja gar keiner, dass wir mitmachen. Aber wir wollen ja noch nicht mal, dass andere helfen. Peinlich provinziell.

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